Letztes Update am Di, 22.10.2019 13:54

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Archäologen legten Reste eines Wiener Einkaufszentrums frei



Es müssen nicht immer Römersteine sein: Bei Grabungen vor dem Wien Museum - das für die anstehende Generalsanierung bereits geschlossen wurde - hat die Stadtarchäologie die Reste eines Einkaufszentrums aus der Zwischenkriegszeit freigelegt. Die „Verkaufshallen am Karlsplatz“ haben damals Luxusgüter feilgeboten. Erfolgreich war das Konzept jedoch nicht wirklich.

Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass die Existenz des Shoppingcenters nahezu vergessen ist. „Die Stadt ist voller Geschichten, die zwar nicht geheim sind, aber die niemand kennt“, sagte Museumsdirektor Matti Bunzl bei der Präsentation der Grabung. Im Zuge dieser wurden Teile der Fundamente des Gebäudes freigelegt, das sich am Standort des heutigen Wien Museums befand.

Erbaut und eröffnet wurden die Verkaufshallen im Jahr 1922. Bekannte Geschäftsleute boten dort ihre Produkte in den diversen Hallen und Kojen feil. Bekleidung, Pelze, Schuhe oder antike Uhren waren genauso erhältlich wie Autos, Motorräder oder das sogenannte Phänomobil, ein motorisiertes Dreirad. Einige Jahre lang war dort auch ein Gasthaus, das sich „Erster Wiener Stadtheuriger“ nannte, zu finden.

Die Besucher- und Absatzzahlen dürften jedoch nicht unbedingt berauschend gewesen sein. Die Rezession ab 1930 sorgte schließlich endgültig für das Aus - wobei das Einkaufszentrum zuletzt fast nur mehr als Autowerkstätte genutzt wurde. 1934 wurde die Ausstellungshalle abgerissen.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Die Überreste werden nicht für die Nachwelt erhalten, wie Grabungsleiter Martin Mosser erläuterte. Er sprach heute von einer „dokumentierten Zerstörung“. Interessante Erkenntnisse lieferte der Fund jedenfalls, wie betont wurde. So habe etwa die Bautechnik überrascht, also konkret, dass grober Magerbeton für die Fundamente verwendet worden sei. Auch, dass der Bauplatz einst beträchtlich aufgeschüttet und begradigt wurde, fand man heraus.

Laut Mosser wird man demnächst noch mehrere Meter in die Tiefe, also weiter in die Vergangenheit, vorstoßen. Pflaster aus der Zeit vor dem Hallenbau wurde bereits entdeckt. Noch weiter unten lag einst das Bett des inzwischen längst umgeleiteten Wienflusses. Dass auch römische Funde in diesen Schichten schlummern, schließen die Archäologen nicht aus.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Fläche neu bebaut - mit dem Wien Museum, das nun saniert und neu gestaltet wird. Das Haus ist bereits geschlossen und weitgehend ausgeräumt. Wie das Museum heute einmal mehr beteuerte, liegt das Projekt sowohl zeitlich wie finanziell im Plan.

Der Generalunternehmer wurde demnach bereits ausgeschrieben, ab November wird das Gebäude entkernt. Das Vergabeverfahren soll im Frühjahr 2020 abgeschlossen werden. Auch der eigentliche Baubeginn wurde heute terminisiert. Er wird mit Sommer 2020 angegeben.

Die Wiener ÖVP zweifelt hingegen weiterhin an der offiziellen Darstellung. Man gehe von Kostenüberschreitungen in der Höhe von 23 Mio. Euro aus, wurde heute bekräftigt. Laut einer Berechnung vom Frühling dürften die ursprünglich geplanten Baukosten von 64 Mio. Euro auf 87 Mio. Euro netto steigen. Während das Museum von „Risikoanalysen“ spreche, werde offensichtlich in den Papieren festgehalten, dass die vorliegende Kostenplanung weit über dem Budget liege, berichtete die Volkspartei am Dienstag.

Neu sind Diskussionen über die Ausgaben für Projekte an dem Ort übrigens nicht: Auch die Verkaufshalle damals war betroffen. Aufgrund von baulichen Mehrleistungen haben sich die Baukosten damals sogar verfünffacht, wie heute zu erfahren war.




Kommentieren