Letztes Update am Fr, 25.10.2019 15:14

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Viennale-Star Adele Haenel: „Gleichheit ist sexy“



Die 30-jährige Pariserin Adele Haenel war als Protagonistin des Eröffnungsfilms „Portrait de la jeune fille en feu“ gestern Stargast der Viennale-Gala. Ab 8. November ist sie auch in Pierre Salvadoris Komödie „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ in den heimischen Kinos zu sehen. Ein ständig zwischen Deutsch, Englisch und Französisch wechselndes Gespräch über Film und Theater, Lügen und Klischees.

APA: Frau Haenel, die weiblich dominierte Viennale-Eröffnung scheint die perfekte Umgebung für Ihren Film gewesen zu sein?

Adele Haenel: Stimmt, das ist mir eigentlich gar nicht aufgefallen: Es waren tatsächlich nur Frauen, die Reden gehalten haben. Das ist nicht sehr häufig. Super! Es war überhaupt eine schöne Atmosphäre. Die Zuschauer scheinen den Film gemocht zu haben. An sich mag ich ja Rote Teppiche nicht so sehr, aber hier ist es charmant, denn es ist ein Publikumsfestival und die Leute machen sich extra schön für diesen Abend.

APA: In „Portrait“ spielen Männer bloß winzige Nebenrollen. Ist der Film auch als politisches Statement zu sehen? Auch in der Filmbranche wird ja die Debatte um Geschlechtergleichheit heftig geführt.

Haenel: Dass mal keine Männer im Zentrum stehen, ist natürlich eine gute Erfahrung. Der Film ist auf einem lesbischen Liebespaar gegründet und nicht vordergründig als politisches Statement gedacht. Aber er gibt Gelegenheit, etwas zu zeigen, was wir bisher vielleicht übersehen haben. Warum wurde so etwas noch nie erzählt? Immerhin geht es hier um die Hälfte der Bevölkerung. Gleichheit ist sexy, Zustimmung ist sexy. Wie können wir daraus was machen? Über filmische Fragen erzählt sich das Politische. Aber im Kern geht es um sich langsam entwickelnde Gefühle. Der Film entwickelt seine Liebesgeschichte auf unterschiedlichen Ebenen: Verlangen, intellektueller Austausch, Freundschaft. Daraus entsteht das, was wir Liebe nennen. Das ist das Herz des Films.

APA: Man kennt Sie hierzulande aus Filmen wie „Das unbekannte Mädchen“ der Brüder Dardenne oder dem Anti-AIDS-Aktivisten-Drama „120 BPM“ von Robin Campillo. „Portrait“ spielt dagegen um 1770. Ist ein Kostümfilm nochmal eine andere Herausforderung?

Haenel: Ich habe schon drei Filme gemacht, die im 18. Jahrhundert spielen. Für mich ändert das gar nicht viel. Ich denke, „Portrait“ ist wegen der Fragen, die er aufwirft, näher an „Water Lillies“ (der Film von Celine Sciamma, mit dem Haenel 2007 ihren Durchbruch feierte, Anm.) als bei den anderen historischen Filmen. Aber ich mag Kostüme, denn sie machen es notwendig, sich neu zu erfinden. Sie ändern nicht nur deine Art sich zu bewegen, sondern auch zu sprechen.

APA: In Kürze startet hier „En liberte“ unter dem seltsam klingenden Verleihtitel „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“. Dieser Film scheint komplett anders als „Portrait“?

Haenel: Das stimmt, er war aber auch eine super-starke Erfahrung. Ich habe beim Dreh von „En liberte“ sehr viel gelernt - etwa, wie man Klischees sprengt. Wenn es um Komödie geht, muss man wirklich auf den Rhythmus achten und auf das, was an und unter der Oberfläche ist. Ich glaube, das Bewusstsein für diesen Widerspruch zwischen dem, was man sagt, und dem, was man meint, hat mir danach sehr geholfen, den Subtext in „Portrait“ zu spielen. Obwohl sie sehr unterschiedlich sind, gibt es für mich eine Kontinuität. Ich liebe diesen Film.

APA: Sie spielen dort eine Kommissarin?

Haenel: Es geht um Lügen und Leute, die versuchen, ihre eigenen Lügen zu überleben. Es geht um ein mafiöses System und um Schuld. Der Film ist sehr lustig - und sehr erfolgreich in Frankreich.

APA: In Cannes waren Sie heuer nicht nur mit „Portrait“ vertreten, sondern auch mit „Les heros ne meurent jamais“, einer Mischung aus Fiktion und Doku über den Bosnien-Krieg. Ihre Bandbreite scheint groß. Was muss ein Drehbuch haben, damit es Sie interessiert?

Haenel: Bei „En liberte“ wusste ich intuitiv, dass ich den Film machen möchte, noch bevor ich das Drehbuch gelesen habe. Aber meist versuche ich, rauszufinden, ob es etwas hinter der Story gibt, das nicht ausgesprochen wird. Auch in „Les heros ne meurent jamais“ war es der Zusammenhang zwischen Realität und Fiktion, die Notwendigkeit, etwas zu erfinden und Geschichten zu erzählen, der mich besonders interessiert hat. Das ist etwas, das ich besonders liebe.

APA: Sie spielen auch Theater. Ihr aktuelles Projekt mit Giselle Vienne zu Robert Walser wurde aber verschoben.

Haenel: Ja, auf nächstes Jahr. Vielleicht kommt es auch nach Österreich. Ich liebe es zu spielen, aber nicht das ganze Zeug rundherum. Für mich geht es ums Erforschen, das ist im Theater stärker ausgeprägt als im Film. Ich habe als Kind sehr viel Theater gespielt. Dann habe ich aufgehört und 2012 mit der „Möwe“ wieder angefangen. Seit damals habe ich immer mehr Theater gespielt. Ich liebe Theater. Ich denke, Celine (Sciamma, Anm.) ist eine der wichtigsten Filmregisseurinnen von heute, und Giselle ist dasselbe fürs Theater. Ich glaube, was wir mit ihr machen, ist dieses Forschen an Bewegung, Gefühl und Zeit. Aber dafür braucht man auch selbst Zeit - und die nehme ich mir.

APA: Abschließend noch zu Ihren österreichischen Wurzeln: Ihr Vater kommt aus Graz?

Haenel: Ja, er ist aber früh weggegangen. Er wohnt seit, glaube ich, 1968 in Frankreich, und ist jetzt auch kein Österreicher mehr, denn man darf nicht beide Staatsbürgerschaften habe. Ich war gelegentlich als Kind in den Ferien in der Steiermark. Unsere wichtigste Sprache in der Kindheit war Französisch. Als wir klein waren, hat er zunächst noch Deutsch mit uns gesprochen, wir haben aber bald damit aufgehört. Erst mit dem Film „Die Blumen von gestern“ von Chris Kraus habe ich wieder angefangen. Es war sehr anstrengend, aber auch lustig, wie schnell mein Deutsch zurückgekommen ist.

APA: Sie haben auch den „Prix Romy Schneider“ erhalten.

Haenel: Stimmt, aber ich bin nicht wirklich mit ihren Filmen groß geworden. Als Kind habe ich eher Animationsfilme angeschaut oder Filme mit Belmondo. Ich war keine Cinephile. Also hatte ich nicht Romy Schneider im Kopf, als ich selbst zu spielen begonnen habe. Ich hatte eigentlich gar keinen Schauspieler als Vorbild. Ich wollte spielen und nicht ein Filmstar werden.

APA: Der neue Literaturnobelpreisträger Peter Handke lebt seit langem in Paris. Haben Sie etwas von ihm gelesen?

Haenel: Ich erinnere mich etwa an ein berührende Passage aus „Über die Dörfer“, wo es in etwa heißt: Vergiss deine Familie und lerne das Fremde zu lieben... Ich habe aber keine besondere Beziehung zu seinem Werk. Mit Elfriede Jelinek oder Thomas Bernhard verbindet mich mehr.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(ZUR PERSON: Die französische Filmschauspielerin Adele Haenel (30) ist die Tochter einer französischen Lehrerin und eines aus Österreich stammenden technischen Übersetzers. Ihre erste Filmrolle hatte sie im Alter von 13 Jahren. 2007 feierte sie in dem Debütfilm der Regisseurin Celine Sciamma, „Water Lilies“, ihren Durchbruch. Seither drehte sie Filme u.a. mit Andre Techine, Jean-Pierre und Luc Dardenne und Aude Lea Rapin und wurde mit zwei „Cesar“-Filmpreisen bedacht.)




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