Letztes Update am Fr, 25.10.2019 18:26

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Original Play“-Verein bietet Kritikern Dialog an



Der wegen seines Konzepts des gemeinsamen „Spiels“ von fremden Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen in pädagogischen Einrichtungen in der Debatte stehende Verein „Original Play“ hat Freitagabend die Vorwürfe zurückgewiesen. „Original Play ist Gewaltprävention“, wurde in einer Aussendung betont. Kritiker seien eingeladen, „mit uns in Dialog zu treten“, um sich selbst ein Bild zu machen.

Die von dem Verein in Österreich angebotenen Workshops seien in erster Linie für Eltern und Personen aus dem pädagogischen und therapeutischen Bereich gedacht. „Diese sollen im Regelfall mit den eigenen Kindern/Jugendlichen bzw. in ihren Institutionen spielen“, hieß es.

In Österreich seien zwölf „Apprentices“ der Organisation - jeweils sechs Frauen und Männer - tätig, deren Berufsausbildung „dem pädagogischen, sozialen oder gesundheitlichen Bereich zuzuordnen“ sei. Um „Original Play“ professionell anbieten zu können, bedürfe es einer drei Jahre dauernden Ausbildung.

„Ausgebildete sogenannte Apprentices besuchen Institutionen regelmäßig. Sie sind angehalten, ihre Spielgruppen so durchzuführen, dass PädagogInnen der jeweiligen Institution anwesend sind“, erläuterte der Verein. Die „Apprentices“ haben demnach beim Verein ihre „Strafregisterbescheinigung Kinder- und Jugendfürsorge“ hinterlegt. Sie würden von Kindergärten, Schulen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen und für Asylwerber eingeladen. Ziel sei, „zu lernen, wie man ein sicheres Umfeld für Kinder schafft. Eltern und Fachkräfte erwerben Fähigkeiten und Kompetenzen, um Aggressionen ohne Gewalt zu begegnen“. Viele Projekte würden ehrenamtlich durchgeführt.

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Der Bericht des ORF über „Original Play“ hat für einige Aufregung gesorgt. Im Bildungsministerium verwies man auf derzeit in Erarbeitung befindliche einheitliche Qualitätskriterien für die Arbeit mit Kindern. Durch die Vorfälle fühle man sich in dem Vorhaben bestärkt, hieß es gegenüber der APA. „Intimität und Individualität von Kindern darf nicht tangiert werden - das ist ein Grundsatz der in allen pädagogischen Einrichtungen uneingeschränkt eingehalten werden muss“, betonte man im Ministerium. „Für Körpererfahrung und Gewaltprävention gibt es pädagogische Konzepte, die ohne diese Grenzüberschreitung auskommen.“

Das Wiener Rathaus gab eine Empfehlung an alle Kindergärten und Schulen aus, die Kooperation mit dem Verein „Original Play“ einzustellen. Wenn ein Verdacht bestehe, dass der Verantwortung für Kinder nicht in vollem Umfang nachgekommen wurde, „werden die zuständigen Behörden dem unverzüglich und mit voller Intensität nachgehen“, betonte Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ). Es liege grundsätzlich in der Verantwortung der Kindergartenbetreiber, welche pädagogischen Zusatzangebote zugekauft werden. Der jeweilige Träger habe, so betonte der Stadtrat, sicherzustellen, dass das Wohl der Kinder nicht beeinträchtigt werde.

Insbesondere die Qualität der pädagogischen Konzepte und die Seriosität der Angebote seien vom jeweiligen Betreiber zu überprüfen, erläuterte der Ressortchef. So würden etwa Angebote, die an die städtischen Kindergärten von externen Anbietern herangetragen werden, zentral begutachtet und nur an die Standorte weiter gesendet, wenn sie für gut befunden wurden.

Von „Original Play“ gab es laut dem Stadtrat eine entsprechende Anfrage. Sie sei jedoch im August 2018 abgelehnt und nicht weitergeleitet worden, hieß es. In städtische Einrichtungen dürfen jedenfalls fremde Personen nur im Beisein von Pädagoginnen oder Pädagogen in einer Gruppe anwesend sein, wurde versichert.

In Niederösterreich darf der Verein ab sofort nicht mehr tätig sein. Das betonte die niederösterreichische Bildungs-Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister (ÖVP) am Freitag in einer Aussendung.

Diese Weisung sei aufgrund der bekannt gewordenen Vorwürfe am Freitag veranlasst worden. „Hier geht es um unsere Kinder und die Sicherheit der qualitätsvollen Betreuung in den Einrichtungen des Landes und dabei ist rasches Handeln angesagt“, hielt Teschl-Hofmeister fest.

Bei „Original Play“ dürfen Erwachsene mit ihnen fremden Kindern rangeln, berichteten ORF und ARD am Donnerstag. Für Experten könnte das eine „Einladung“ zum Missbrauch sein. Der Verein ist in zahlreichen Kindereinrichtungen in Österreich aktiv. Spielgruppen gibt es etwa in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, Tirol, Vorarlberg und der Steiermark.

In Deutschland gab es bereits Ermittlungen wegen konkreter Missbrauchsvorwürfe von Eltern, in Bayern und Hamburg warnen Behörden inzwischen offiziell vor dem Verein. In Österreich wussten vor den Medienberichten manche Bildungsdirektionen nichts über „Original Play“. Das Bildungsministerium hat keinen Überblick darüber, welche externen Vereine in Kindergärten und Schulen in Österreich zum Einsatz kommen.

„Original Play“ selbst betonte am Freitag auf seiner Homepage, dass sie die Kritik an den Medienberichten nicht nachvollziehen können, „weil uns keinerlei Vorfälle bekannt sind. Seien Sie versichert, dass unser erstes Interesse immer dem Schutz der Kinder gilt“, hieß es dort. Der Gründer von „Original Play“, Fred Donaldson, wies im Gespräch mit dem ORF und der ARD zurück, dass seine Methode Kindesmissbrauch möglich mache.

„Original Play“ ist bereits seit mehreren Jahren Mitglied in der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Sollte es einen konkreten Verdacht gegen den Verein geben, werde die Mitgliedschaft ruhend gestellt, kündigte Caroline Culen, Geschäftsführerin der Kinderliga im Gespräch mit der APA an. Man sei jedenfalls bereits seit längeren bezüglich dieser Causa mit dem Verein in Gespräch, als erste Vorwürfe in Deutschland laut wurden.

„Original Play“ sei aufgefordert worden, sich „dem Thema Kinderschutz in der eigenen Organisation verstärkt zu widmen“, sagte Culen. Außerdem müsse der Verein „reflektiert und kritisch auf das eigene Konzept schauen“. Die Psychologin betonte, dass der Fall „gesamtgesellschaftlich besprochen werden muss“. Die Workshops des Vereins fanden und finden bereits in zahlreichen Kinder- und Jugendeinrichtungen statt. „Es ist wichtig, das gesamtgesellschaftlich zu diskutieren, ist das in Ordnung oder ist das nicht in Ordnung“, sagte Culen.

Die SPÖ-Bildungssprecherin und ehemalige Bildungsministerin Sonja Hammerschmid forderte „einen österreichweit einheitlichen Qualitätsrahmen für Kinderbetreuungseinrichtungen“. Dies „wäre dann die Grundlage, um externe Anbieter zu prüfen bzw. für den Einsatz in Kindergärten und Horten zu akkreditieren“, sagte Hammerschmid in einer Aussendung. Von einem generellen Verbot externer Anbieter halte sie nichts. „Was es aber braucht, ist eine Akkreditierungsstelle“, so Hammerschmid.

Gleiche Forderungen erhob auch der Katholische Familienverband. Auch er verlangt die strengere Überprüfung von Vereinen. „Bei allen pädagogischen Konzepten muss das Kindeswohl im Vordergrund stehen und Trägervereine, die Workshops anbieten, ganz genau auf Aspekte des Kinderschutzes überprüft werden“, verlangte Astrid Ebenberger, Vizepräsidentin des Katholischen Familienverbandes in einer Aussendung. Die Pädagogin appellierte an das Bildungsministerium, ein Akkreditierungsverfahren mit verbindlichen Qualitätskriterien für Vereine zu erstellen, die an allen Bildungseinrichtungen zugelassen sind. „Dieser Wildwuchs von externen Vereinen muss eingedämmt werden. Der Fall Original Play zeigt deutlich, dass Schulen und Kindergärten in der Auswahl der Vereine, die für den Umgang mit Kindern geeignet sind, besser unterstützt werden müssen“, so Ebenberger.

Rasche Aufklärung der Causa „Original Play“ forderten am Freitag auch die NEOS. „Wir müssen endlich stärkere Qualitätskontrollen externer Vereine einführen, bevor es zu Übergriffen kommt und nicht erst danach“, sagte Bildungssprecher Douglas Hoyos in einer Aussendung. Dass fremde Erwachsene bereits nach einer nur zweitägigen Ausbildung mit den Kindern „arbeiten“ dürften, sei „erschreckend und vollkommen inakzeptabel“. Elementarpädagogen sowie Lehrer würden nicht umsonst eine jahrelange, intensive Ausbildung absolvieren: „Die Unerfahrenheit, mit der ‚Original Play‘ jene Leute auf die Kinder loslässt, halte ich für grob fahrlässig. Das Bildungsministerium und die Länder müssen hier endlich aktiv werden und sich einschalten“, verlangte Hoyos.

Die Wiener FPÖ forderte die sofortige Auflösung des Vereins, sagte der freiheitliche Wiener Jugend- und Bildungssprecher Stadtrat Maximilian Krauss. „Die Wiener Kindereinrichtungen müssen von offizieller Seite vor diesem Verein gewarnt werden und dazu aufgefordert werden, keinerlei Zusammenarbeit mit dieser Organisation zu suchen. Etwaigen geförderten Kindereinrichtungen sollte mit der Streichung von Förderungen gedroht werden, wenn sie mit ‚Original Play‘ weiterhin zusammenarbeiten“, verlangte Krauss unverzügliches Handeln der Wiener Stadtregierung.




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