Letztes Update am Sa, 26.10.2019 16:11

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


57. Viennale: „Il Traditore“



Tommaso Buscetta ist kein Sympathieträger, eher eine Mischung aus sonnenbankgeledertem Vulgärmacho und Gangster. Er ist kein moralischer Held, und doch geht auf seine Aussage die Verhaftung von 366 Mafiosi in den 80ern zurück. Diesem Kronzeugen des Anti-Mafia-Kampfes hat Italiens Altmeister Marco Bellochio das Zeitgemälde und Biopic „Il Traditore“ gewidmet, das nun bei der Viennale zu sehen ist.

Von Jugend an in der Organisation verhaftet, gehörte Buscetta (Pierfrancesco Favino) eher der mittleren Ebene der sizilianischen Mafia an, und war in Brasilien tätig, als in Sizilien der zweite Mafiakrieg zwischen den rivalisierenden Clans Hunderte Opfer kostete - darunter auch die Söhne Buscettas. Nach seiner Verhaftung und letztlich erfolgten Auslieferung an Italien entschließt sich der Gangster angesichts seiner aussichtslosen Lage und des Wunsches, mit seiner bereits im Zeugenschutzprogramm befindlichen Familie wiedervereint zu werden, mit Giovanni Falcone zusammenzuarbeiten. Weniger der moralische Impetus als die eigene Perspektive ist Buscettas Triebfeder.

Es dauert eine Stunde, bis Buscetta erstmals dem legendären Anti-Mafia-Richter gegenübersitzt, gegenüber Falcone erstmals das eherne Gesetz der Omerta bricht und somit die gigantischen Maxi-Prozesse ab 1986 ins Rollen bringt, die Hunderte Mafiosi teils lebenslang hinter Gitter brachten. Diese bilden das zweite Drittel von „Il Traditore“, in dem Bellochio das klassische Porträt seines Helden zum Gerichtsdrama wandelt.

Doch dabei belässt es der mittlerweile 79-jährige Filmemacher, der auch wieder für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, nicht, sondern setzt da fort, wo viele andere Regisseure das Schlussbild gesetzt hätten. Er kehrt zum Fokus auf seine Titelfigur zurück und folgt dieser in das Inkognitoleben bis zu seinem Ende im Jahr 2000 - friedlich im Bett.

So gelingt Bellochio in seinem gut zweieinhalb Stunden langen Epos die Verbindung vieler Genres, wenn er das klassische Spiel der Blicke als Charakteristikum des Gangstergenres neben ein nüchternes Männerporträt und einen Gerichtsfilm setzt. Der Blick auf die absterbende Machokultur der süditalienischen Cosa Nostra fällt stets ironisch aus, und doch ist „Traditore“ beileibe keine Satire. Vielmehr zeigt Bellochio die Absurditäten des Männerbundes, denen die brutalen Morde im Kampf um die Macht innerhalb der Organisation gegenüberstehen.

Bellochio nimmt sich und gibt seinen Figuren viel Zeit. Die Dialoge, Sequenzen können sich entwickeln. Nur selten streut er Archivmaterial in seine Erzählung ein, und ebenso selten greift er auf eine anaturalistische Bildsprache zurück, wenn er die hinter Gitter sitzenden Cosa-Nostra-Bosse im Querschnitt mit gefangenen Raubtieren zeigt oder Buscetta katholische Visionen seiner Schuld haben lässt. Bellochio idealisiert seine Hauptfigur nicht, sondern zeigt sie in ihren Brüchen, in ihrer Ambivalenz. Dass er dabei den Zuschauer über 150 Minuten hinweg nicht verliert, ist der große Verdienst dieses Filmemachers.

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