Letztes Update am Sa, 26.10.2019 18:03

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


39 Leichen in Lkw: 20 Vietnamesen unter Toten befürchtet



Unter den in einem Lastwagen in Großbritannien gefundenen 39 Leichen könnten bis zu 20 Vietnamesen sein. Nachdem bereits zwei vietnamesische Familien die Befürchtung geäußert hatten, dass sich Angehörige unter den Opfern befinden könnten, meldeten am Samstag weitere Familien ihre Angehörigen als vermisst, teilte eine in Großbritannien ansässige Gruppe für Vietnamesen mit.

Die Polizei war zunächst davon ausgegangen, dass alle Opfer aus China stammten. Martin Pasmore, einer der leitenden Ermittler, sagte Samstagnachmittag, er könne weitere Nationalitäten unter den Todesopfern vorerst nicht ausschließen. Seine Beamten hätten aber die meisten Anfragen von vietnamesischen Staatsangehörigen in Sorge um Verwandte und Freunde erhalten, aus dem In- und Ausland. Die Identifizierung der Toten werde viel Zeit brauchen, wurde erneut betont. Mit den vietnamesischen und chinesischen Behörden werde eng zusammengearbeitet.

Die Polizei im irischen Dublin nahm indes in Großbritannien einen fünften Mann fest. Gegen den Mann habe es einen Haftbefehl wegen einer mutmaßlichen Straftat in Irland gegeben, die Polizei in Essex habe jedoch Interesse bekundet, den Mann zu befragen, heißt es in einer Mitteilung der Dubliner Polizei vom Samstag.

Die Polizei hatte zuvor bereits vier Verdächtige festgenommen, darunter den Fahrer des Lastwagens, in dem die Leichen gefunden worden waren. Die Toten waren in der Nacht zum Mittwoch im Laderaum des Lastwagens im Ort Grays entdeckt worden. Die Umstände deuten stark darauf hin, dass es sich bei den Opfern um ins Land geschleuste Migranten handelt. Möglicherweise sind die Menschen im Laderaum erfroren, da der große Lkw-Sattelauflieger zur Kühlung geeignet war. Offiziell bestätigt wurde die Todesursache zunächst nicht.

Wie der britische Fernsehsender BBC am Samstag berichtete, soll die Gruppe VietHome Fotos von etwa 20 Vietnamesen im Alter von 15 bis 45 Jahren erhalten haben, die seit dem grausigen Fund der Leichen nahe London vermisst würden. Die Opfer könnten bei der Reise nach Großbritannien gefälschte chinesische Pässe bei sich getragen haben. In einer Erklärung vom Samstag teilte das vietnamesische Außenministerium mit, seine Botschaft in London arbeite daran, „den Prozess der Identifizierung der Opfer zu beschleunigen“.

Nguyen Dinh Gia sagte der Nachrichtenagentur AFP am Samstag, er habe vor einigen Tagen einen Anruf von einem Vietnamesen erhalten, der ihn über den Tod seines Sohnes auf dem Weg nach Großbritannien informiert habe. Der Mann habe ihn um „Verständnis“ gebeten und gesagt, dass etwas „Unerwartetes passiert“ sei. Nguyen erzählte, sein 20-jähriger Sohn habe sich seit 2018 illegal in Frankreich aufgehalten und wollte für rund 12.600 Euro nach Großbritannien weiterreisen, um dort in einem Nagelstudio zu arbeiten. Nguyen bat die vietnamesischen Behörden um Hilfe bei der Identifizierung seines Sohnes. Von Kontaktpersonen in Großbritannien erfuhr er, dass der 20-Jährige Paris am Nachmittag des 21. Oktobers verlassen habe - zwei Tage vor der Entdeckung der Leichen in einem Lkw-Kühlcontainer.

Am Freitag hatte bereits der Vietnamese Pham Manh Cuong berichtet, dass seine Schwester unter den Toten sein könnte. Nach seinen Angaben war die 26-Jährige Anfang Oktober aus Vietnam nach Großbritannien aufgebrochen. Am Dienstagabend habe sie dann ihrer Mutter eine verzweifelte SMS geschickt. „Es tut mir leid, Mama. Mein Weg ins Ausland hat keinen Erfolg. Mama, ich liebe dich so sehr! Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann.“ Pham sagte AFP, die SMS sei echt und wenige Stunden vor dem Leichenfund abgeschickt worden. Auch aus vietnamesischen Sicherheitskreisen hieß es, unter den 39 Toten könnten vietnamesische Staatsangehörige sein.

Die beiden mutmaßlichen Opfer stammen aus der verarmten Provinz Ha Tinh im Zentrum des Landes, aus der viele Migranten kommen. Viele zahlten für ihre Reise mit gefälschten Dokumenten zehntausende Euro - in der Hoffnung, vor allem in Großbritannien arbeiten zu können.

Die britische Polizei hatte am Freitagabend die vierte Festnahme in dem Fall berichtet. Es handelt sich um einen 48-jährigen Mann aus Nordirland. Ein bereits wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Verschwörung zum Menschenhandel in Gewahrsam genommenes Paar stritt jegliche Beteiligung an der Tat ab. Der Lkw soll der 38-jährigen Frau gehört haben, die ihn nach Medienberichten jedoch vor mehr als einem Jahr an eine irische Firma verkauft haben will. „Er hat jetzt nichts mehr mit uns zu tun“, zitierte die britische Zeitung „The Times“ die Frau.

Die 39 Leichen waren Mittwochfrüh in einem Industriegebiet östlich von London in einem Lkw-Kühlcontainer entdeckt worden. Kurz danach war bereits der 25-jährige, aus Nordirland stammende Lkw-Fahrer festgenommen worden.




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