Letztes Update am Mo, 28.10.2019 10:06

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Eduard Louis sehr gefragt auf österreichischen Bühnen



Seit der Berliner Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier im Vorjahr den Roman „Im Herzen der Gewalt“ von Edouard Louis auf die Bühne brachte, ist der französische Literatur-Jungstar auch am Theater viel gefragt. Im November hat er gleich drei Premieren in Österreich. Das Schauspielhaus Wien startet am 13. November, es folgen am 15. das Volkstheater Wien und am 28. das Schauspielhaus Salzburg.

2014 befreite sich der heute 26-jährige Edouard Louis mit seinem mittlerweile in 20 Sprachen übersetzten autobiografischen Bestseller „Das Ende von Eddy“ von seinem eigentlichen Namen Eddy Bellegueule (wörtlich übersetzt: „Hübsche Fresse“) und von seiner Herkunft. Er schilderte sein Aufwachsen unter einfachsten Verhältnissen in einem Dorf in der Picardie in Nordfrankreich. Das proletarische Milieu, tradierte Männlichkeitsbilder und latente Gewalt, Alkohol, Armut und fehlende Aufstiegschancen kennzeichneten den Alltag in der Familie Bellegeule. Der junge Eddy fühlte sich von klein auf nicht nur fehl am Platz, sondern auch nicht wohl in seiner Haut. Er war anders als die andern - und wurde förmlich dazu gedrängt, seine Rolle als Homosexueller anzunehmen.

„Edouard Louis schafft es, in seinen Romanen die politische und soziale Gegenwart Frankreichs auf eine sehr schonungslose, sehr persönliche, und damit authentische, Weise zu reflektieren. Seine eigene Biografie dient ihm dabei als glaubwürdige, beglaubigende Referenz“, sagt Tomas Schweigen. Der Schauspielhaus-Leiter nimmt sich in seiner Inszenierung Louis‘ 2016 erschienenen Zweitlings „Im Herzen der Gewalt“ an, in dem eine Liebesnacht in eine brutale Vergewaltigung umschlägt. „Ich halte diesen Roman für den stärksten: Es gelingt ihm hier, entlang der Schilderung dieses seines persönlichen Traumas, der Vergewaltigung am Weihnachtsabend, fast wie nebenbei Brücken zu unglaublich aktuellen Themen zu schlagen, die weit über eine Trauma-Aufarbeitung hinausgehen. Zusätzlich ist der Kunstgriff, die Geschichte über weite Strecken aus der Perspektive der Schwester zu erzählen, die sie wiederum ihrem Mann erzählt, während Edouard sie belauscht, schon für sich ein sehr theatrales Setting.“

Bei aller Bewunderung für das literarische Können Louis‘ sieht Schweigen den Erfolg des jungen Autors in enger Verbindung zur unruhigen politischen und sozialen Gegenwart Frankreichs, die dieser „auf eine sehr schonungslose, sehr persönliche, und damit authentische, Weise“ reflektiere. „Seine eigene Biografie dient ihm dabei als glaubwürdige, beglaubigende Referenz. Aber ein Großteil seiner Beobachtungen, seiner Kritik, seiner Anklage lässt sich ja geradezu erschreckend problemlos auf europäische Verhältnisse, und natürlich auch auf österreichische übertragen: Die zunehmende Polarisierung zwischen Oben und Unten, zwischen Stadt und Land, zwischen Links und Rechts, einen durch Political Correctness kaschierten Alltagsrassismus, Homophobie und so weiter - und die Themen, die in die Beziehungs- und Familienverhältnisse reichen, sind natürlich sowieso universell.“

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Mehr noch als „Im Herzen der Gewalt“ sind diese Themen im bisher letzten Buch Louis‘, „Wer hat meinen Vater umgebracht“, enthalten, mit dem er 2018 die wütende Abrechnung mit seinem Vater, der an den eigenen Lebensumständen zerbrach, in der Fabrik zum körperlichen Wrack und zum Alkoholiker wurde und dem Sohn nie den erhofften Schutz angedeihen ließ, ins Politische ausweitete. Seine Anklageschrift umfasst nicht einmal 70 Seiten und nennt als Antwort auf die titelgebende Frage prominente Namen. Es ist die Riege der französischen Präsidenten, Premier-, Arbeits- und Sozialminister der vergangenen Jahrzehnte: „Hollande, Valls, El Khomri, Hirsch, Sarkozy, Macron, Bertrand, Chirac. Für deine Leidensgeschichte gibt es Namen. Deine Lebensgeschichte ist die Geschichte dieser Figuren, die aufeinandergefolgt sind, um dich fertigzumachen.“

„Ich finde es einen beachtlichen Schritt, dass er den Vater, den er gehasst hat und von dem er sich distanzieren wollte, jetzt zu einem Arbeiterklassenkollektivkörper macht und darüber die Politik anklagt. Mich interessiert, dass er gesellschaftspolitische Entwicklungen anhand der Geschichte des Körpers seines Vaters oder seines eigenen Körpers untersucht. Er beschreibt, wie sich konkrete politische Entscheidungen bei einer bestimmten sozialen Klasse unmittelbar im Körper manifestieren. Das ist von ihm nicht nur symbolisch, sondern ganz physisch gemeint“, sagt Christina Rast. Die Schweizerin bringt das dünne Buch ins Volkstheater - und zwar nicht auf eine Nebenspielstätte, sondern ins Haupthaus. „Es ist eine starke Setzung des Theaters: Man will diesem Thema eine große Bühne geben. Und dort hat es auf jeden Fall seine Berechtigung. Es ist zwar ein schmales Büchlein - aber der Themenkomplex dahinter ist gewaltig!“

Für Rast ist es „ein Irrglaube, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Wenn man von sozialer Ungleichheit redet, muss man gleichzeitig auch von männlicher Dominanz reden, von der Unterdrückung der Schwulen, Lesben, Transmenschen, oder den Schwierigkeiten mit Migration und Integration. Dass man die Probleme nicht von einander getrennt betrachten kann, das zeigt Edouard Louis.“

Den Abschluss des Aufführungsreigens macht der langjährige Linzer Schauspiel-Chef Gerhard Willert, der am Schauspielhaus Salzburg „Wer hat meinen Vater umgebracht“ mit „Der Vater“ von Stephanie Chaillou zu einem gemeinsamen Abend verbindet. „Ein befreundeter französischer Kollege hat mir den Text von Chaillou just in dem Moment gemailt, als ich den Text von Edouard las. Die beiden Texte haben sich sofort in mir als komplementär verzahnt“, erzählt Willert. Während er Louis‘ andere Bücher „lieber lese als sie zu inszenieren“, sei „Wer hat meinen Vater umgebracht“ aber fürs Theater geschrieben. Tatsächlich beginnt das Buch mit einem kurzen Prolog: „Wenn dies ein Theatertext wäre, müsste er mit den folgenden Worten beginnen: Ein Vater und ein Sohn befinden sich in einigen Metern Abstand zueinander in einem großen, weitläufigen und leeren Raum“, heißt es dort. „Der Vater und der Sohn sehen sich fast nie an. (...) Sie sind einander räumlich nah, doch sie dringen nicht zueinander durch.“




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