Letztes Update am Di, 29.10.2019 12:35

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zeitreise „Time Is Thirsty“ eröffnet in Kunsthalle Wien



Kunstwerke, die gar nicht in der Ausstellung zu finden sind, zwei Maschinen, die den Geruch der 1990er imitieren und 1.000 leere Rexgläser: „Time Is Thirsty“ nennt sich die letzte Schau in der Kunsthalle Wien im Museumsquartier, die noch unter Direktor Nicolaus Schafhausen programmiert wurde. Eröffnet wird die von Luca Lo Pinto kuratierte Zeitreise am Dienstagabend mit einer Jam-Session.

Ein „immersiver Raum“ soll es sein, der den Besucher im ersten Stock der Kunsthalle verschluckt, und tatsächlich: Die Sinne werden gleich zu Beginn überstrapaziert. Da ist die sehr laute Soundinstallation des italienischen Duos Vipra, die sich täglich mit einer von Peter Rehberg zusammengestellten Playlist abwechselt. Da ist das sich stets verändernde Saallicht (von sehr düster bis sehr hell) und schließlich der Geruch, den die norwegische Künstlerin Sissel Tolaas eigens für die Ausstellung entwickelt hat: Mithilfe von Nano-Geruchsmolekülen, die aus zwei kleinen Maschinen geblasen werden, soll der Wiener Geruch des Jahres 1992 nachgebildet werden. Apropos 1992: Das Gründungsjahr der Kunsthalle Wien ist Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung. Werke aus besagtem Jahr werden dabei aktuellen Arbeiten gegenübergestellt, wobei die Grenzen jedoch bewusst verschwimmen sollen.

„Kann man zwei historische Momente synchronisieren, Zeit in Zeit packen, ein temporales Mashup produzieren mit einer Ausstellung als Plattform?“ Diese Frage stand für Luca Lo Pinto am Beginn der Überlegungen zu dieser Ausstellung, wie er im Rahmen der Presseführung erläuterte. Dabei ist es beim Besuch der Ausstellung nicht wichtig, die Werke bestimmten Zeiten zuzuordnen, zumal auch keinerlei Beschriftungen im Saal zu finden sind. Diese sind in einem kleinen Booklet festgehalten, das man sich im Anschluss zu Gemüte führen kann.

Da erfährt man dann etwa, dass Xavier Aballi mit seinem Datumsbild zum 29. Oktober die Tage seit dem Tod des japanischen Künstlers On Kawara gezählt hat, daneben hängt dessen Datumsbild vom 19. September 1992, also dem Jahr der Kunsthallen-Eröffnung am Karlsplatz. Gegenüber findet sich das 1992 entstandene Foto „Les voleurs de couleur (Personnage a reactiver)“ von Pierre Joseph, das nach der Ausstellungseröffnung einen Zwilling bekommen wird, gestaltet der Künstler doch nach Vorlage der auf dem Foto abgebildeten Kinder bei der Eröffnung ein Tableau vivant und fotografiert dieses im Kontext der Ausstellung.

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Stolpert man nicht über eines der 1.000 Rexgläser von Jason Dodge („Gläser mit Eingewecktem, der Körper/die Körper. Wenn etwas zurückgelassen wird, passiert das dann aus Dringlichkeit?“, heißt es dazu im Folder), gilt es danach immer noch, nicht in „Untitled (Blue Glitter)“ von Ann Veronica Janssens zu treten: Der Fleck aus blauem Glitzer ist nicht am Boden fixiert und wies bereits bei der Presseführung den einen oder anderen Fußabdruck auf. Das seine Farbe verändernde Werk soll aus unterschiedlichen Blickwinkeln im Raum betrachtet werden.

An den Wänden finden sich schließlich schwarze, aufblasbare Objekte von Franco Mazzucchelli aus dem Jahr 2017, eine „Anhäufung von Assemblagen mit herausquellendem Inneren“ von Georgia Sagri, die überdimensionale Schnittwunden und blaue Flecken darstellen oder in heutiges Layout gegossene Zeitungsartikel aus dem Jahr 1992, „die im heutigen Zeitgeschehen Widerhall finden“: Da geht es etwa um Straßenschlachten in Los Angeles, den Streit um weibliche Priester oder Demos gegen Gewalt gegen Migranten. Von Willem de Rooij stammt eine Installation aus 90er-Jahre-Trainingsanzügen der Modedesignerin Fong Leng, die in der Mitte des Saals auf Schaufensterpuppen präsentiert werden.

Eines der interessantesten Objekte ist schließlich die Abwesenheit jener Tattoos, die sich Freunde und Bekannte des Kurators stechen haben lassen: Die Aktion ist eine Reaktivierung der Ausstellung „Tattoo Collection“, die Anfang der 1990er in Galerien in Paris, Köln und New York realisiert wurde, für die Künstler Zeichnungen für Tätowierungen einreichten, die sich die Käufer stechen lassen konnten. Ebenfalls nicht in der Kunsthalle zu sehen ist „Untitled (It‘s Just a Matter of Time)“ von Felix Gonzalez-Torres aus dem Jahr 1992: Während der Dauer der Ausstellung wird die Arbeit mit dem deutschen Satz „Es ist nur eine Frage der Zeit“ (in gotischer Schrift) auf mehreren öffentlichen Werbetafeln appliziert. Ursprünglich war das Werk für eine Plakatwand in Verbindung mit der Ausstellung „Gegendarstellung - Ethics and Aesthetics in Times of AIDS“ in Hamburg ausgestellt.

Die Ausstellung, die als „Kaleidoskop der Zeichen, zwischen denen man sich verlieren kann“ angepriesen wird, läuft bis zum 26. Jänner. Danach übernimmt das kroatische Kollektiv WHW, das die Kunsthalle bereits seit Juni leitet, das Ruder. Die erste Ausstellung mit dem Titel „... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden“ eröffnet am 8. März 2020.

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