Letztes Update am Mi, 30.10.2019 06:15

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Helikoptereltern landen an den Universitäten



Sie begleiten ihre Kinder zum Informationsabend und zur Inskription oder intervenieren, wenn Probleme auftauchen: Nach Kindergarten und Schule sind die Helikoptereltern nun auch an Österreichs Hochschulen gelandet. Überengagierte Eltern sind laut Unis und Fachhochschulen zwar noch eher eine Randerscheinung, es werden aber stetig mehr. Ihren Kindern tun sie damit nichts Gutes, warnen Experten.

Seit einigen Jahren werden junge Erwachsene im Studium deutlich öfter von Mama und Papa an der Hand genommen, berichten die Unis Wien, Graz, Salzburg, Innsbruck und Klagenfurt auf Anfrage der APA. Fachhochschulen (FH) sind laut Fachhochschulkonferenz ebenfalls betroffen, wenn auch wegen des älteren Klientels nicht so stark.

Zu Studieninformationsveranstaltungen kommen mittlerweile viele Maturanten in Begleitung der Eltern, die dann teils mit mehr Elan bei der Sache sind als ihr Nachwuchs. An der FH Krems kennt man auch Anrufe mit der Ansage „Wir sind gerade dabei, uns zu bewerben“, bei Studienbeginn werde dann so mancher Studienanfänger von den Eltern bis zum Eingangstor begleitet. Von der Uni Wien wird berichtet, dass Eltern ihre Kinder auch zu Aufnahmeverfahren für Studien mit Platzbeschränkung begleiten. Dort heißt es allerdings ab einem bestimmten Punkt: Einlass nur für Bewerber.

Auch an der Uni Innsbruck sind telefonische Anfragen von Eltern zu Studienangebot und Zulassung keine Seltenheit mehr. Dass diese zu Studienberatung und Einschreibung mitkommen, findet man hier „fast schon normal“, vor allem bei Studienanfängern aus Südtirol und Luxemburg. Nach dem Motto „Wir müssen das Ganze schließlich finanzieren“ würden diese „viel genauer fragen, genauer zuhören und auch kritisch nachfragen“. Auch an der Uni Graz werden die Eltern, bisweilen sogar die Großeltern, zur Einschreibung mitgenommen.

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Die Studienabteilung der Uni Salzburg hat mit dem Engagement von Eltern wenig Freude: Die Einschreibung werde durch „das permanente Einmischen und Fragen der Eltern“ deutlich verzögert. Dazu kämen viele Telefonate, von Banalitäten bis zur Intervention. Leiter Johann Pinezits hat dafür kein Verständnis, immerhin solle die Uni auch zu einer selbstständigen und eigenverantwortlichen Persönlichkeit beitragen.

An der Uni Graz hat man auf das gestiegene Interesse der Eltern reagiert und bietet für sie seit mehreren Jahren im Rahmen der „Schnupperuni“ im August eine eigene Infoveranstaltung an, genutzt wird sie vor allem von Nicht-Akademikern. In Kärnten gibt es gemeinsame Eltern-Informationsveranstaltungen von Uni, FH und Pädagogischer Hochschule (PH), die sich ebenfalls vor allem an Eltern ohne akademischen Hintergrund richten. Immerhin sei bei diesen der Informationsbedarf am größten, heißt es von der Uni Klagenfurt.

An anderen Unis geht man damit weit zurückhaltender um. An der Uni Innsbruck will man sich erst klar werden, wie weit das Serviceangebot gerade für die Erstsemestrigen gehen soll, immerhin solle der Studieneinstieg auch „ein Schritt in Richtung mehr Selbstständigkeit sein“. An Uni Wien und WU sind zumindest vorerst ebenfalls keine Angebote geplant.

Auch nach Studienbeginn engagieren sich einzelne Eltern über die Maßen und versuchen an Uni oder FH für ihre Kinder zu intervenieren, wenn diese eine Frist verpasst haben oder die Noten nicht passen - allerdings ohne Chance auf Erfolg, wie die Hochschulen betonen. „Bei allem, was Beratungscharakter hat, dürfen Eltern dabei sein. Ihre Rechte und Pflichten müssen die Studierenden aber persönlich wahrnehmen“, formuliert man es etwa an der Uni Wien. Die FHs verweisen dann auch auf den Ausbildungsvertrag, der zwischen Student und FH abgeschlossen werde und nicht mit den Eltern.

Doch nicht nur die Sorge um den Nachwuchs lässt Eltern zum Telefonhörer greifen: Wenn Studenten keinen Kontakt mehr zu einem Elternteil haben oder um Unterhaltszahlungen gestritten wird, versuchen Eltern auch immer wieder Informationen etwa über den Studienerfolg des Nachwuchses einzuholen.

Bei der Ombudsstelle für Studierende hat man es öfter als früher mit Eltern zu tun, insgesamt sei es aber nur ein kleiner Teil der Kontakte. Anfragen gibt es etwa bei Problemen bei Zulassung und Aufnahmeverfahren oder wenn Studenten der Ausschluss von der Hochschule droht. Teilweise würden Eltern auch ohne Wissen der Studenten anrufen, etwa wenn der Nachwuchs die Studiengebühren nicht eingezahlt oder die Eltern selbst den Zahlschein verloren haben und deshalb kein Weiterstudieren möglich ist. „Den Kindern ist das dann oft etwas peinlich“, schildert Leiter Josef Leidenfrost im APA-Gespräch. Andere statten wiederum die Eltern mit einer Vollmacht aus und lassen sie überhaupt allein ihre Interessen vertreten. Das spiele sich allerdings im Promillebereich ab.

Einen Gefallen tun überfürsorgliche Eltern ihren Kindern mit alldem nicht, betonen Experten im Gespräch mit der APA. Bei der Studienwahl sei ihr Einsatz „nicht zwangsläufig förderlich“, drückt es Wolfgang Kaltenbrunner diplomatisch aus. Er hat in seiner Bachelorarbeit im Bereich Wirtschaftspsychologie an der FH Krems gezeigt: Je stärker Eltern ihre Kinder kontrollieren und in ihrer Autonomie einschränken, umso mehr Stress empfinden diese bei der Studienwahl. Auch im späteren Studienverlauf tun sich diese jungen Erwachsenen schwerer, selbstständige Entscheidungen zu treffen.

Jugendliche werden heute vor allem in bildungsnahen Milieus bei Lebensentscheidungen viel später selbstständig, betont Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung, im APA-Gespräch. Zusätzlich gebe es überfürsorgliche Eltern, die große Hoffnungen in die Bildung ihrer Kinder setzen und diese damit schon während der Schulzeit überfordern. „Diese Eltern müssen dann ihre Kinder beim Inskribieren an der Uni unterstützen, weil eine gewisse Grundunsicherheit da ist.“ Dazu komme eine generelle Überforderung durch die Vielzahl an Studien und die Sorge, ob das gewählte Fach auch wirklich für den Arbeitsmarkt der Zukunft vorbereitet und zu einem passt. Auch danach bleibt der Druck laut Großegger hoch: Nach ein bis zwei Probesemestern das Fach zu wechseln, sei früher keine Krise gewesen. „Heute herrscht hier viel mehr Druck, die sozialen Erwartungen sind hoch.“




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