Letztes Update am Mi, 30.10.2019 11:41

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nepalese bestieg 14 Achttausender in sieben Monaten



Anfangs hielten viele Nirmal Purjas Idee für ein Hirngespinst: Der Nepalese wollte alle 14 Achttausender der Welt besteigen - in sieben Monaten. 189 Tage nachdem Purja den ersten der 14 Gipfel, den Annapurna in Nepal, erklommen hat, ist der 36-Jährige am Ziel. Der Bergsteigerclub Nepal Mountaineering Association hat jetzt mit dem Xixabangma in Tibet Purjas 14. Gipfelstürmung bestätigt.

Aufgebrochen war das Team im April. Die ersten sechs Achttausender in Nepal - inklusive des 8.848 Meter hohen Mount Everest - waren nach nur einem Monat geschafft, wie das Tourismusministerium und der Alphine Club of Pakistan in Neu Delhi bestätigten. Auch die übrigen Gipfel hat der frühere Gurkha-Soldat Purja, der in einer Elite-Einheit der britischen Armee diente, demnach in der angegebenen Zeit erreicht.

Immer wieder sterben Menschen bei dem Versuch, einen der Giganten zu erklimmen. Alle Achttausender zu bezwingen - dafür haben sich Bergsteiger wie Jerzy Kukuczka aus Polen oder Kim Chang-ho aus Südkorea zuvor knapp acht Jahre Zeit gelassen. Entsprechend fielen die Reaktionen auf das Vorhaben des 36-jährigen Nepalesen aus. „Als ich von dem Projekt erzählte, haben die Leute gelacht“, sagt er jetzt in Kathmandu. „Sie sagten, das wäre nicht möglich.“

In einer Mischung aus Trotz und Selbstbewusstsein nannte Purja seine Mission „Project Possible“ Unbedarft ging er die Sache aber nicht an: Zwei Einträge im Guinness-Buch der Rekorde verweisen bereits auf den Nepalesen. 2017 wanderte er von der Everest-Spitze zum Gipfel des benachbarten Achttausenders Lhotse - in zehn Stunden und 15 Minuten. Zudem erreichte er anschließend die Spitze eines dritten Achttausenders in insgesamt etwas mehr als fünf Tagen - auch dies eine Leistung, die die Rekordrichter als einmalig ansahen.

In der Bergsteigerszene sind Purjas Methoden aber nicht unumstritten: Bei seinen Guinness-Rekorden und der späteren Achttausender-Mission setzte er angesichts der Höhenluft auf Sauerstoffflaschen. Als „sehr nahe am Doping“ bezeichnet das etwa Ulrich Limper vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Profi-Bergsteiger kletterten heute üblicherweise ohne künstlichen Sauerstoff auf die Giganten, sagt er. „Mann gegen Berg“, darum gehe es, erklärt der US-Bergsteiger und Blogger Alan Arnette.

Die Vorwürfe ärgern Purja, wie er auf Instagram schreibt und auch Journalisten immer wieder sagt. Mit dem Sauerstoff habe er Menschen retten können, verteidigt er sich, ohne jedoch direkt auf die Kritik einzugehen. Beim Abstieg vom Gipfel des Kanchenjunga hätten er und sein Team zwei Bergsteiger und einen Sherpa gefunden, denen in großer Höhe der Sauerstoff ausgegangen sei, schrieb Purja im Mai auf Instagram. Der Sherpa habe mit Hilfe des Sauerstoffs aus den Flaschen von Purjas Team überlebt, für die andere sei die Hilfe zu spät gekommen. Nachprüfen lässt sich diese Geschichte kaum.

Um seine Reise zu finanzieren, habe er sein Haus verkauft und Freunde und Bekannte um Unterstützung gebeten, sagt Purja. Über die Crowdfunding-Plattform GoFundMe sammelte er bis zum Ende der Reise rund 40.000 Euro ein. Überhaupt sei das der schwierigste Teil der Expedition gewesen - das Geld für sein kühnes Vorhaben zusammenzukriegen.

Denn Extrem-Bergsteigen ist teuer: Neben der überlebenswichtigen Ausrüstung müssen Kletterer auch Gebühren zahlen, um Berge wie den Everest überhaupt besteigen zu dürfen. Mehr als 9.900 Euro sind das pro Person im Falle des höchsten Berges der Erde. Doch im Laufe der Mission seien große Sponsoren dazugekommen, sagt Purja über die Finanzierung.

Für den Bergsteiger-Experten Arnette ist Purjas Leistung auf jeden Fall „extrem beeindruckend“ - trotz der Sauerstoffflaschen. So schnell wie der Nepalese sei noch niemand gewesen. „Für mich ist eine der wichtigsten Eigenschaften eines Spitzenathleten eine kurze Erholungszeit“, sagte Arnette. Und: „Achttausender zu besteigen ist schwer, auch wenn er es einfach erscheinen lässt.“

Purja meint ebenfalls, dass er die richtigen Voraussetzungen mitbringt: Er habe gemerkt, dass sein Körper sich gut erholen könne, sagt der Ex-Soldat. Auch deshalb sei er auf die Idee gekommen, die 14 Giganten quasi im Sturm zu erklimmen, sagte er. Außerdem gefalle ihm die Aussicht.

Und als ihm die Aussicht einmal nicht gefiel, machte Purja gleich internationale Schlagzeilen: Auf dem Mount Everest schoss er im Frühjahr 2019 ein Foto, das Bergsteiger zeigt, die Schlange stehen. Das Bild ging um die Welt - und löste eine Debatte darüber aus, ob sich zu viele und zu viele schlecht vorbereitete Menschen am Aufstieg versuchen.

Purja würde das bestätigen - denn für ihn bedeutete der Andrang, was wohl alle Rekordjäger fürchten: Zeitverlust. „Ich musste stundenlang warten, und ich schoss das Bild nur, um einen Beweis dafür zu haben.“




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