Letztes Update am Mi, 30.10.2019 13:32

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Albertina-Sammlungspräsentation bei Moskauer Biennale



Mit der Uraufführung einer Moskau gewidmeten Komposition von Hermann Nitsch hat am Dienstagabend die 8. Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst eröffnet. Österreich spielt mit der Albertina als wichtigstem Leihgeber eine zentrale Rolle dieser Schau, die mit lediglich 34 beteiligten Positionen eher wie eine um lokale Kunst erweiterte Sammlungspräsentation des Wiener Museums anmutet.

„Das ist die beste Biennale, die ich jemals gesehen habe“, frohlockte der Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder in seiner Eröffnungsrede. Er begründete seinen Eindruck mit einer überschaubaren Anzahl an Kunstwerken, die im Unterschied zu konventionellen Biennalen die Wahrnehmung einzelner Arbeiten erlaube. Besonders lobte Schröder den Ausstellungsgestalter Sergej Tschoban. Der in Berlin tätige Architekt hat in einem überdimensionalen Ausstellungssaal sehr gekonnt kleinere Bauwerke installiert, die einen Großteil der gezeigten Kunstwerke beherbergen.

Durch Abwesenheit glänzte am Dienstag indes der offizielle Kurator Dmitri Tschernjakow. Der Opernregisseur würde auch seine eigenen Premieren nicht lieben und sich deshalb in der Regel dort auch nicht zeigen, begründete Biennale-Präsidentin Julija Musykantskaja. Ein Blick ins Internet belegt jedoch, dass Tschernjakow bei seinen Opernpremieren sehr präsent ist.

Die seit 2017 für die Veranstaltung verantwortliche Musykantskaja, die zuvor als Sekretärin von Kulturminister Wladimir Medinski gewirkt hatte, war im Vorfeld heftig kritisiert worden. Im Zusammenhang mit offenen Rechnungen bei der letzten Moskauer Biennale hatten internationale Künstler im Sommer 2019 gar zu einem Boykott aufgefordert. Probleme hatte es auch bei Personalfragen gegeben. Ursprünglich war an den legendären Kasper König als Kurator gedacht worden, der ein „fragwürdiges Angebot“ im Oktober 2018 jedoch nicht weiter verfolgen wollte. „Es drehte sich ausschließlich um Repräsentation, während kuratorische Inhalte völlig nebensächlich erschienen und das Budget mehr als unsicher war“, erklärte König gegenüber der APA.

Im Frühjahr 2019 sprang schließlich die Albertina ein, die sich bereit erklärte, hochkarätige Arbeiten aus ihren Sammlungen von zeitgenössischer Kunst zur Verfügung zu stellen. Zum Kurator wurde Opernstarregisseur und Kunstneuling Tschernjakow ernannt. Welche tatsächliche Rolle er bei der Biennale spielte, blieb aber auch nach der Eröffnung unklar. Ein inhaltliche Fokussierung ist bei der mit „Orientierung vor Ort“ betitelten Ausstellung nicht zu erkennen, ein detailliertes Statement des Kurators fehlt. Musik, konkret ein Klavierstück von Alban Berg, ist lediglich in einem Raum zu hören, in dem eine Abstraktion von Gerhard Richter präsentiert wird. Warum bleibt unklar.

Beteiligte russische Künstler erzählten der APA unisono, von lokalen Kunstexperten ausgewählt worden zu sein. Manche hatten die Möglichkeit, sich Werke aus der Albertina auszusuchen, mit denen sie in eine Polemik treten wollten. Der Petersburger Witali Puschnizki kürte den US-amerikanischen Popart-Künstler Alex Katz: „Während Katz ein glückseliges Leben zeigt, kontrastiere ich mit einem glückseligen Tod“, kommentierte Puschnizki seine wilde Malerei, aus der auch Zweige hinauswachsen.

Dank des Zugriffs auf die Bestände der Albertina - in Moskau werden Arbeiten aus den Sammlungen Batliner, Essl und Viehof präsentiert - konnte die Biennale aus dem Vollen schöpfen, Werke aus der Albertina dominieren die Schau: Zu sehen ist Malerei von Georg Baselitz, die einer existenzialistischen Installation des Moskauers Andrej Kuskin mit aus Brot geformten Männchen gegenübergestellt wird, Zeichnungen von Sonja Gangl und Gemälde von Muntean/Rosenblum, die gemeinsam mit einer Turmskulptur der Russin Marija Kulagina gezeigt werden.

Bei weiteren wichtigen Werken wie einem Bild von Neo Rauch, zwei Gemälden von Xenia Hausner, Holzmännchen von Stephan Balkenhol oder vier schwarzen Schüttbildern von Hermann Nitsch, der seine geplante Reise nach Moskau aus gesundheitlichen Gründen absagte, verzichten die Kuratoren hingegen auf Bezugnahmen. Dies gilt auch für wenige herausragende Werke russischer Künstler, die eigens für die Biennale geschaffen wurden und ebenso ohne Dialog mit der Albertina-Sammlung auskommen: So hat der Maler und Fotograf Pawel Otdelnow mit Hilfe von Minisendern den Transport und die Verwertung von Müll in Moskau untersucht und dokumentiert.

Neben den Albertina-Westkunstschwerpunkt ergänzenden russischen Arbeiten verweist ein dritter Teil der Ausstellung vor allem auf aktuelle geopolitische Interessen des Kreml. Weniger mit künstlerischen Qualitäten hatte am Dienstagabend ein Auflauf von Bodyguards zu tun, die allesamt Biennale-Teilnehmerin Leyla bewachten. Bei der Künstlerin, die eine kosmische Videoinstallation zeigt, handelt es sich um die Tochter des amtierenden aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Älijew.

Eine kleine Sensation ist hingegen die nebenan gezeigte Arbeit der saudischen Prinzessin Halla bint Khalid, die zwei Gemälden von Maria Lassnig gegenübergestellt wird. Auf Grundlage von Zeichnungen, die sie vor wenigen Monaten angefertigt hat, entstanden Skulpturen, die Frauen als Gebär- und Männer als Geldautomaten darstellen. „Ich will nicht schockieren, sondern versuche damit aufmerksam zu machen, wie wir miteinander sprechen“, erklärte die Angehörige der Königsfamilie gegenüber der APA. Sie habe zuvor noch nie Skulpturen gezeigt, erzählte sie und ließ keinen Zweifel, dass diese künstlerischen Aktivitäten nur durch den rasanten, von Kronprinz Mohammed bin Salman eingeleiteten Wandel in ihrer Heimat möglich geworden seien.

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(Alternative Schreibweisen: Dmitri Tcherniakov, Sergei Tchoban)




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