Letztes Update am Mi, 06.11.2019 12:46

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Missbrauch in Wiener Kinderheimen: 52 Mio. Euro für Opfer



Neun Jahre lang ist im Auftrag der Stadt Wien aufgearbeitet worden, was Kindern in Einrichtungen der Jugendwohlfahrt über Jahrzehnte angetan wurde. 2.384 Betroffene erhielten finanzielle Hilfeleistungen. Insgesamt wurden mehr als 52 Millionen Euro aufgewendet, geht aus dem Abschlussbericht des Vereins für Verbrechensopferhilfe Weisser Ring hervor, der jetzt vorliegt.

Die Stadt Wien stellte sich in den Jahren 2010 bis 2019 der Aufgabe, das Unrecht, das Kindern in Heimen oder bei Pflegeeltern zugefügt wurde, aufzuarbeiten. „Die Opfer haben Unfassbares erlebt, es ist unsere Pflicht als Stadt, unsere Verantwortung wahrzunehmen, geschehenes Unrecht ohne Relativierung anzuerkennen und uns dafür aufrichtig und zutiefst zu entschuldigen“, sagte Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) in einer Aussendung am Mittwoch. „Es handelt sich hier um ein Kapitel in der Geschichte unserer Stadt, das nie hätte geschrieben werden dürfen“, ergänzte der für Jugendagenden zuständige Stadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ).

Der Weisse Ring war beauftragt, Unterstützungsmaßnahmen für Menschen durchzuführen, die im Rahmen ihrer Unterbringung in Einrichtungen der Jugendwohlfahrt im Zeitraum zwischen 1945 und 1999 Opfer von Gewalt wurden. Ursprünglich ging man von einer Gesamtdauer von knapp einem Jahr und einem Budgetbedarf von rund zwei Millionen Euro aus. Die Zahl der Meldungen überstieg jedoch die Erwartungen um ein Vielfaches.

Das Budget wurde über mehrere Stufen auf 52,53 Millionen Euro aufgestockt und auch die Meldefrist mehrfach verlängert, zogen die Verantwortlichen Bilanz. In 71 Sitzungen bearbeitete ein Gremium 3.139 Meldungen. 2.384 Betroffene erhielten finanzielle Hilfeleistung. Insgesamt wurden 42,13 Millionen Euro direkt ausbezahlt, geht aus dem Bericht hervor.

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Allen Betroffenen wurde auch Psychotherapie angeboten. Von rund 144.400 genehmigten Einheiten wurde knapp die Hälfte in Anspruch genommen, in Summe um 6,14 Millionen Euro. Zudem gab es die Möglichkeit, Rechtsberatung zu erhalten. Dafür wurden rund 0,09 Millionen Euro ausgegeben.

Man habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, wurde betont. Heute werden Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren Eltern bleiben können, nicht mehr in den geschlossenen Systemen großer Heime untergebracht. Sie leben in Krisenzentren und sozialpädagogischen Wohngemeinschaften sowie bei ausgewählten und ausgebildeten Pflegeeltern. Die Kinderrechte, eine gute Ausbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, moderne Standards, funktionierende Kontrolle und das frühzeitige Erkennen von Fehlentwicklungen stehen im Vordergrund.

„Es ist für uns heute schwer zu verstehen, wie unsere Institution, die dem Kinderschutz verpflichtet ist, so vielen Kindern und Jugendlichen so unfassbares Leid zufügen konnte. Unverständlich ist, wie in der Nachkriegszeit die Aufsichtsmechanismen derart versagen konnten“, sagte Johannes Köhler, Leiter der Wiener Kinder- und Jugendhilfe.

Die Wiener ÖVP sieht die Situation nach wie vor anspannt. Die Wiener Jugendwohlfahrt leide „nach wie vor an einem eklatanten Personalmangel und fehlenden finanziellen Mitteln. Das darf heute nicht der Nährboden für die Skandale und Missbrauchsfälle von morgen sein“, warnte Familiensprecherin Sabine Schwarz in einer Aussendung. Sie kritisierte zudem, „warum die Stadtregierung missbrauchten Heimkindern die Möglichkeit genommen hat, weiter Entschädigungszahlungen geltend zu machen“.




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