Letztes Update am Mi, 06.11.2019 19:06

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Zwölfte Buchmesse „Buch Wien“ ist eröffnet



Mit einer launigen Rede von Bundespräsident Alexander van der Bellen und Begrüßungsworten von Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) sowie Benedikt Föger, dem Präsidenten des Hauptverbands des österreichischen Buchhandels, ist am Mittwochabend in der Halle D der Messe Wien die zwölfte Buchmesse „Buch Wien“ eröffnet worden. Im Zentrum stand aber die Eröffnungsrede von Armin Thurnher.

Der „Falter“-Herausgeber und -Chefredakteur, nicht nur Journalist, sondern selbst auch Buchautor, stellte „die Krise der Kommunikation, genauer gesagt die Krise des öffentlichen Gesprächs“ in den Mittelpunkt seiner Rede: „Wir alle meinen, uns in freier Rede äußern zu können, freier, als wir es je konnten. Das können wir auch. Zugleich verdrängen wir, dass wir dabei in einer noch nie da gewesenen Weise überwacht, instrumentalisiert und manipuliert werden.“

Menschen aller politischen Lager „lesen weniger das, was sie lesen, als vielmehr das, was sie nicht lesen“, kritisierte Thurnher und führte als aktuelles Beispiel u.a. „die sogenannte Handke-Debatte“ an, in der dem Nobelpreisträger „Zivilisationsverrat, Gutheißung von Völkermord, Rechtfertigung mörderischer Tyrannen, Verhöhnung der Opfer“ vorgeworfen worden sei. „Oder, wie es ein programmatisch preisgekrönter, konkurrierender Literat ausdrückte, es ging um ‚das, was Handke nicht geschrieben hat‘“, so Thurnher. „Mir scheint, Handke steht exemplarisch dafür, wie einem in der Öffentlichkeit mitgespielt wird, wenn man nicht mitspielt.“

„Kann es nicht sein, dass Handkes Erregung und vielleicht auch die seiner Kritiker aus einer ganz anderen Quelle kommt? Dass Handke einen Zustand verteidigt, den er als antijournalistisch, vorjournalistisch, außerjournalistisch versteht? Eine Art, die Welt möglichst unvoreingenommen anzuschauen und diese Anschauung möglichst unverfälscht auszudrücken?“, fragte der Eröffnungsredner. „Handkes dissidente Auffassung des Balkankriegs entwickelte sich wohl in der unheilvollen Mechanik öffentlicher Auseinandersetzungen mit seiner zu Recht kritisierten politischen Haltung. Auf die Rezeption des Abwurfs von Nato-Bomben als pazifistisch reagierte er mit der Verehrung faschistischer Mörder. Ich vermute, er meinte das weniger profaschistisch als vielmehr antijournalistisch.“ Die Berichterstattung über Handkes jüngsten Besuch in seinem Heimatort Griffen habe ihn beschämt: „Am Ende weidete sich die Welt am hilflosen Zorn des Autors. In einer Nachrichtensendung wurde er als lächerlicher, alter Grantler vorgeführt.“

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Echte Auseinandersetzung finde nicht mehr statt. Einerseits werde immer schneller und immer gedankenloser reagiert, andererseits habe sich in Österreich nach 1945 „eine Streitvermeidungskultur etabliert. (...) Ja, wir müssen streiten lernen.“ Gegen Ende kam Thurnher auf die nächste Regierung zu sprechen. Diese müsste mindestens fünf Dinge tun: „Erstens müssen wir uns politisch entscheiden zwischen Autoritarismus und demokratischem Kapitalismus. Demokratisch kann dieser nur sein, wenn nicht die Konzerne ihn, sondern wenn er die Konzerne zähmt. Die größten Konzerne der Welt sind die Kommunikationskonzerne. Sie agieren geradezu exemplarisch außerhalb des Rechtsstaats.“ Zweitens müssten „demokratisch legitimierte Parteien sich auch demokratisch legitimer Kommunikationsformen bedienen“. Drittens brauche es die Stärkung des öffentlich-rechtliches Prinzips, wozu eine Debatte darüber gehöre, „ob Social Media, die als Rahmen des gesellschaftlichen Gesprächs nicht in private Hand gehören, als daseinsvorsorgende Infrastruktur nicht besser öffentlich rechtlich organisiert wären“. Viertens bedürfe es „einer fairen, sinnvollen Medienförderung“, fünftens brauche es „eine nicht marktkonforme Schule“.

Thurnher riet allen zu einem „Mindestmaß an Empathie“, zu Respekt und Toleranz und „im digitalen Austausch“ zu einem Verzögerungsmechanismus, „der unüberlegte Soforthandlungen unterbindet“. Das Buch stehe „für Autonomie, für das Prinzip des informierten Gesprächs, für das Ertragen des anderen, ohne sich wegzuducken und ohne ihn zu unterdrücken. Es steht gegen Desinformation und für alles, was uns wichtig ist und wichtig sein sollte“, schloss Armin Thurnher.

Zuvor hatte sich Benedikt Föger mit der künftig notwendigen „Ökologisierung unserer Branche“ befasst und sich mit der Gegenwart zufrieden gezeigt: „Der Buchhandel läuft im Moment erfreulich gut.“ Stadträtin Kaup-Hasler erinnerte u.a. an die häufig prekären Arbeitsbedingungen, unter denen Literatur entstünde. „Hier wird weiter beharrlich an der Vielfalt geistiger Hervorbringung gearbeitet.“

Bundespräsident Alexander Van der Bellen zitierte in seiner Rede u.a. Arno Schmidt und Friedrich Nietzsche und bekannte: „Für mich persönlich sind Bücher Lebensbegleiter.“ Beeindruckt, aber etwas ungläubig zeigte er sich gegenüber Zahlen: „80.000 Erstveröffentlichungen allein im deutschsprachigen Raum jährlich? Stimmt das? Wer soll das lesen?“ Und noch eine andere Frage hatte er, betreffend seine eigene Wohnung, in der weiterhin etliche Kisten nicht ausgepackt seien: „Wohin mit den Büchern?“

Auf die offizielle Eröffnung folgt ein Konzert der Band Fuzzman & The Singin‘ Rebels, die Eröffnung der Ausstellung „Die letzten Tage der Menschheit“ der Künstlerin Deborah Sengl und eine bis 23 Uhr dauernde „Lange Nacht der Bücher“, für die u.a. Clemens J. Setz, Vea Kaiser, Veit Heinichen und Tobias Moretti angekündigt sind. Bis Sonntag (10. November) lesen und diskutieren über 500 Autorinnen und Autoren. Im Vorjahr verzeichnete die Buchmesse mit 51.000 Interessierten einen Rekordbesuch.

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