Letztes Update am Mo, 11.11.2019 13:42

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Massive Ausschreitungen in Hongkong



Der erneute Einsatz scharfer Munition gegen Demonstranten hat die Lage in Hongkong weiter eskalieren lassen. Wie am Montag in einer Video-Liveübertragung auf der Online-Plattform Facebook zu sehen war, schoss ein Polizist einem Demokratie-Aktivisten in die Brust. Der Übergriff löste erneut schwere Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Einsatzkräften aus.

In dem Live-Video war zu sehen, wie ein Polizeibeamter seine Waffe zieht und versucht, einen Mann an einer zuvor von Demonstranten blockierten Straßenkreuzung festzunehmen. Als sich ein anderer Demonstrant nähert, schießt der Polizist ihm in die Brust. Sekunden später gibt der Polizist zwei weitere Schüsse ab und ein weiterer Demonstrant geht zu Boden.

Anschließend war zu sehen, wie Beamte die beiden Männer abtransportierten. Das erste Opfer lag in einer Blutlache. Der zweite Mann war bei Bewusstsein, als Polizisten ihm Handschellen anlegten.

Die Hongkonger Polizei bestätigte den Einsatz von scharfer Munition gegen einen Demonstranten. Ein Krankenhaus meldete die Einlieferung eines 21-jährigen Mannes mit einer Schussverletzung. Es war bereits das dritte Mal, dass Hongkonger Polizisten während der seit Monaten andauernden Proteste scharfe Munition gegen Demonstranten einsetzten.

Der Vorfall löste am Montag erneut massive Proteste und Ausschreitungen aus. Um die Mittagszeit demonstrierten tausende Menschen in mehreren Vierteln der Stadt, blockierten Straßen, beschädigten Geschäfte sowie Bahnstationen und konfrontierten die Einsatzkräfte mit „Mörder“-Rufen.

An zahlreichen Orten setzte die Polizei Tränengas und Gummigeschoße gegen die Demonstranten ein, unter anderem auf Universitätsgeländen sowie in Vierteln nahe des Hongkonger Hafens. In Messenger-Diensten zirkulierte ein Video, das einen Polizisten zeigte, der mehrmals versuchte, sein Motorrad in eine Menschenmenge zu lenken.

Joshua Wong, eines der bekanntesten Gesichter der Demokratie-Bewegung, forderte ein Ende der Polizeigewalt. „Nicht wir haben die Gewalt eskaliert, sondern die einzige Seite, die eskaliert, ist die Polizei“, sagte Wong der britischen BBC. „Aus Hongkong wird in einen Polizeistaat gemacht.“

Wong appellierte an den US-Senat, einen Gesetzentwurf im US-Abgeordnetenhaus zur Unterstützung der Demokratiebewegung in Hongkong anzunehmen. Der bekannte Aktivist forderte die internationale Gemeinschaft auf, nicht mehr wegzuschauen.

Man-Kei Tam, Direktor von Amnesty International Hong Kong sprach angesichts der Polizeischüsse mit scharfer Munition von einem „rücksichtslosen Gebrauch von Gewalt“. Er berichtete zudem, dass ein Polizist auf einem Motorrad mit hoher Geschwindigkeit in eine Gruppe Demonstranten gefahren sei. „Das sind keine polizeilichen Maßnahmen - diese Beamten sind außer Kontrolle und haben Rachegelüste“, erklärte Man-Kei Tam und forderte eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt.

Unterdessen berichtete die Polizei von einem Brandangriff auf einen Mann, der sich zuvor mit Hongkonger Demokratieaktivisten einen Streit geliefert haben soll. Auch die Videos dieses Vorfalls wurden in Online-Netzwerken vielfach geteilt. Dabei ist zu sehen, wie ein Angreifer einen Mann mit einer Flüssigkeit übergießt und ihn anschließend in Brand setzt. Ein Polizeisprecher machte Demokratieaktivisten für den Angriff verantwortlich. Der Mann sei in lebensbedrohlichem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert worden.

In der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong gibt es seit Monaten Massenproteste für mehr Demokratie und gegen den wachsenden Einfluss Pekings. Ausgelöst wurden sie durch ein Gesetzesvorhaben, das erstmals auch Auslieferungen nach Festland-China ermöglicht hätte. Inzwischen fordern die Demonstranten die Absetzung der pekingtreuen Führung in der Finanzmetropole und freie Wahlen. Die Bürger der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong genießen gesetzlich garantiert mehr Bürgerrechte als ihre Landsleute in Festland-China. Allerdings prangern zahlreiche Kritiker den wachsenden Einfluss Pekings an, der die Bürgerrechte zunehmend einschränke.




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