Letztes Update am Do, 14.11.2019 12:46

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ein Ausflug ins Blaue: Ruzowitzky dreht „Hinterland“ in Wien



Mit „Hinterland“ widmet sich der österreichische Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky dem Wien der 1920er-Jahre. Davon ist beim Setbesuch am Mittwoch allerdings nur wenig zu sehen, ist das Studio doch beinahe vollständig blau ausgekleidet. Hier soll später ein verzerrtes Bild der Hauptstadt digital eingefügt werden - ganz im Stil von „Das Cabinet des Dr. Caligari“.

„Das ist der Stephansdom, und die gehen da jetzt alle rein“, erklärt Ruzowitzky, während er auf die Statisten im großen blauen Raum zeigt. Diese blauen Flächen werden später durch digitale Bilder ersetzt. Mit Crowd-Duplication sollen aus den 45 in Wintermäntel gekleideten Menschen später einmal 500 werden, die alle in den Dom hineinströmen. „Das ist ein Vorteil bei der Machart, da man alle beliebig oft multiplizieren kann und so eine Unmenge von Statisten hat“, so der Regisseur.

Murathan Muslu verkörpert dabei undupliziert die Hauptfigur. „Es geht um einen Menschen, der 1920 aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Wien kommt und sich psychisch und physisch mit seinem Umfeld nicht zurechtfindet“, beschreibt er seine Rolle. Die verzerrte Version Wiens repräsentiere das Innere des Protagonisten: „Die ganze Kulisse, die dann aufgebaut wird, ist die Seele meiner Figur und aller Figuren, die mitspielen. Das zieht sich durch den ganzen Film.“

Vor dem blau ausgekleideten Teil des Studios legt Muslu einige Liegestütze hin, um für die Kamera abgehetzt auszusehen. Kurz darauf bahnt er sich mit schnellen Schritten seinen Weg durch die Menschenmasse. An die Arbeit mit so viel Bluescreen musste er sich erst gewöhnen: „Komisch fand ich besonders den Boden, der viel ebener ist, als bei einem Outdoor-Set“, gesteht er. Nach zwei Tagen habe er sich aber auch daran gewöhnt.

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Die Stimmung ist leise, konzentriert, beinahe andächtig. Hin und wieder kann man die internationale Crew von „Hinterland“ - produziert von Freibeuterfilm und Amour Fou in Koproduktion mit Scope Productions und Lieblingsfilm - auf Deutsch, Englisch und Französisch sprechen hören. Immer wieder drängt die dick angezogene Menschenmenge mit Kerzen zu Ignaz Franz‘ „Großer Gott wir loben Dich“ in den virtuellen Stephansdom. Die Detailarbeit ist zeitintensiv: mit der rund zehn Sekunden langen Einstellung ist die Crew eine gute Stunde beschäftigt. „Kinofilme drehen heißt, warten um sich zu beeilen“, scherzt ein Darsteller auf Französisch, während er es sich im Kostüm mit einem Lutschbonbon auf seinem Sessel bequem macht.

Auch Matthias Schweighöfer muss für seinen vernarbten Kopf „zweieinhalb bis drei Stunden“ in der Maske verbringen. „Ich musste Wienerisch lernen“, erzählt der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Schauspieler. „Sonst habe ich versucht, passend zum Bluescreen ganz blauäugig hier reinzugehen“, lacht er. Diese abstrakte Arbeit stört ihn nicht: „Ich habe davor einen Film gedreht, der viel Greenscreen hatte“, so Schweighöfer. Derart viel Bluescreen gefällt dem 38-Jährigen sogar: „Alles aus Fantasie und aus dem Computer finde ich persönlich sehr geil.“

Doch es wird nicht nur vor dem Bluescreen gedreht: Ein riesiger, aber dennoch enger Glockenturm ist die Kulisse der nächsten Einstellung. Muslu kann man nur über den Bildschirm bei der Arbeit zusehen. Er selbst sieht sich seine Leistung im Anschluss auch nochmals kritisch an. Normalerweise muss er sich mit einem abstrakteren Bild zufriedengeben: „Wir haben ja fast keine Ahnung, wie das aussehen wird.“




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