Letztes Update am Do, 14.11.2019 18:33

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Hongkonger Demonstranten legen erneut Verkehr lahm



In Hongkong haben Demonstranten den vierten Tag in Folge weite Teile der Stadt lahmgelegt. Die Schulen blieben am Donnerstag geschlossen, Autobahnen wurden blockiert. In mehreren Universitäten verbarrikadierten sich Tausende Studenten und legten Vorräte an Lebensmitteln, Brandsätzen, Steinen und selbst gebauten Waffen an.

Die Chinesische Universität sei zu „einer Waffenfabrik und einem Arsenal“ geworden, in dem unter anderem Steinschleudern, Pfeile und Bögen gelagert würden, teilte die Polizei mit. Gerüchte über eine für das Wochenende geplante Ausgangssperre machten die Runde.

Unterdessen ist ein 70-jähriger Mann ums Leben gekommen. Er war am Mittwoch von einem Stein am Kopf getroffen worden und erlag am Donnerstag seinen lebensgefährlichen Verletzungen, wie das behandelnde Krankenhaus mitteilte. Der Gesundheitszustand des Patienten habe sich „kontinuierlich verschlechtert“, erklärte ein Sprecher des Prince-of-Wales-Krankenhauses in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Am Donnerstagabend sei der Mann dann gestorben. Es ist bereits der zweite Todesfall binnen einer Woche.

Die chinesische Zeitung „Global Times“ berichtete auf Twitter unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Insider, die Regierung in Hongkong werde wegen der zunehmend gewaltsamen Proteste wahrscheinlich eine Ausgangssperre für das Wochenende verhängen. Später wurde der Tweet gelöscht. Es gebe nicht ausreichend Informationen, um die Nachricht zu belegen, begründete die Chefredaktion den Schritt. Das Boulevardblatt gehört zur staatlichen „Volkszeitung“, dem Sprachrohr der Kommunistischen Partei in der Volksrepublik China.

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Auch im Internet kursierten Gerüchte über eine Ausgangssperre. „Wir wollen sie nicht“, sagte ein Student. „Aber wir denken, dass sie früher oder später kommen wird. Sie wird vermutlich zusammen mit der Verschiebung der Wahl der Bezirksräte kommen.“ Diese ist derzeit für 24. November geplant.

Seit Juni demonstrieren immer wieder Zehntausende Menschen für Demokratie und gegen die Regierung der chinesischen Sonderverwaltungszone, der sie zu große Nähe zur Führung in Peking vorwerfen. Die anfangs friedlichen Proteste arten immer mehr in Gewalt aus - auf beiden Seiten. Die Polizei teilte mit, in der Früh seien an der Polytechnischen Universität Pfeile auf Polizisten geschossen worden. „Ich denke, Pfeile können sie nicht wirklich verletzen“, sagte ein Student. „Aber wenn die Polizei scharf schießt, werden wir sterben.“

Demonstranten blockierten Bahnen, Straßen und den Eingang zum Cross Harbour Tunnel, der die Insel Hongkong mit dem Gebiet Kowloon verbindet. Protestierende steckten Autos und Gebäude in Brand, errichteten Barrikaden vor einem Einkaufszentrum und bewarfen Polizeiwachen sowie Züge mit Brandsätzen. Die Polizei hatte erst kürzlich einen Demonstranten durch einen Schuss mit scharfer Munition verletzt. Sie setzte abermals Tränengas ein und versuchte, den seit Mittwoch blockierten Eingang zum Cross Harbour Tunnel zu räumen. Dort verteilten Studenten Speiseöl auf dem Boden, um der Polizei das Vorrücken zu erschweren.

Das Verhalten der Studenten an den besetzten Universitäten sei „ein weiterer Schritt hin zum Terrorismus“, erklärte die Polizei. Die Sicherheitskräfte würden nun vorübergehend eine direkte Konfrontation mit „übermütigen Randalierern“ vermeiden, um sich eine Atempause zu verschaffen und Verletzungen zu verhindern.

Angesichts der anhaltenden Proteste suchte die Polizei mit ihren bisher knapp 30.000 Einsatzkräften nach Verstärkung. Sie kündigte an, rund hundert Gefängniswärter einzuziehen.

Die australische Regierung mahnte beide Seiten zur Zurückhaltung. „Es ist unerlässlich, dass die Polizei verhältnismäßig auf die Proteste reagiert“, forderte Außenministerin Marise Payne am Donnerstag.




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