Letztes Update am So, 17.11.2019 11:47

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Salman Rushdies neuer Roman: „Quichotte“ in Trumps Amerika



Der Ritter von der traurigen Gestalt ist bei Salman Rushdie zum liebestollen, optimistischen Narren geworden. In seinem neuen Roman „Quichotte“ versetzt der indisch-britische Autor eine der bekanntesten Figuren der Weltliteratur in Donald Trumps Amerika. Bei einer Lesung im Wiener Volkstheater am Samstag sprach er über seine Protagonisten, den Schreibprozess und die persönlichen Elemente im Buch.

Zum 400-Jahr-Jubiläum von „Don Quijote“ hatte sich Rushdie das Werk nochmals vorgenommen. „Ich wollte einen Reiseroman über Amerika schreiben, und erkannte, dass Don Quijote und Sancho Panza die perfekten Reisegefährten sind“, erzählte er im Gespräch mit dem Autor Martin Pesl. Obwohl Rushdies Quichotte, der indischstämmige, fernsehbesessene Pharmaverkäufer Ismael Smile, ähnlich wie Miguel de Cervantes‘ Figur an Realitätsverlust leidet, haben die beiden charakterlich nicht viel gemein: „Ich nahm Don Quijote als Anfangspunkt und ging dann in eine andere Richtung“, sagt Rushdie, der in bekannter Manier auch der Magie ihren Platz einräumte. Ismael Smile ist ein „hoffnungsvoller Idiot“, der in eine TV-Moderatorin vernarrt ist und für seine Liebesbriefe an sie das Pseudonym Quichotte annimmt. Sancho Panza wird zu dessen durch Magie entstandenem Teenager-Sohn, der wie Pinocchio gerne ein echter Mensch wäre.

„Am Ende wirkt die Welt verrückter als Don Quijote“, meint Rushdie über das Original. Ganz in diesem Sinne lässt er seine Geschichte in der Zeit Trumps spielen, einer - wie er sagt - „dunklen Zeit für Amerika“. Der Autor, dessen Schwester an einer Überdosis starb, nahm sich in „Quichotte“ mittels der Figur des korrupten Arztes auch des Suchtmittelproblems in Amerika an. Rushdie habe aber nicht nur beschreiben wollen, wie „furchtbar“ alles sei: „Das wissen wir bereits“, sagte er, „es war mir genauso wichtig, eine Geschichte über das Familienleben zu schreiben.“ So stehen sich in „Quichotte“ ein komisches, surrealistisches Reiseabenteuer und ein realistischer Part über einen Vater, der eine Beziehung zu seinem Sohn sucht, gegenüber.

„Persönlich, aber nicht autobiografisch“ sei der Roman, erzählte Rushdie, der vor 30 Jahren nach Veröffentlichung seines Buchs „Die satanischen Verse“ im Iran zum Tode verurteilt worden war. Das spiele in seinem heutigen Leben, wie er zuletzt oft behauptet hat, keine Rolle mehr. Seine Charaktere Quichotte und der selbstbewusste Autor, der dessen Geschichte schreibt, teilen mit dem Schriftsteller etwa die Kindheit in derselben Nachbarschaft in Bombay. „Vielleicht haben wir uns als Kinder alle getroffen“, scherzte er. Quichottes bipolare und drogenabhängige Angebetete trägt den vielsagenden Namen Salma R., und sie sei ebenso autobiografisch wie der unerschütterliche Optimismus des Protagonisten.

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Die Figuren, die Volkstheater-Schauspieler Günter Franzmeier bei der deutschen Lesung zum Leben erweckt, leiteten Rushdie beim Schreiben. „Beim Schreibprozess geht es darum, den Charakteren zuzuhören“, sinniert er, „dann muss man entscheiden, ob die Richtung, in die es geht, gut oder schlecht ist.“ Völlig unerwartet sei dann auch der selbstbewusste Autor entstanden, der Quichottes Geschichte schreibt. Den Schreibprozess zu seinem nächsten Werk hat der Autor bereits beendet - ein Essayband soll „hoffentlich im nächsten Jahr erscheinen.“




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