Letztes Update am Di, 19.11.2019 13:39

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Burgtheater-Prozess: Ex-Direktor Hartmann im Zeugenstand



Im Prozess gegen die langjährige kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, hat am Dienstag am Wiener Landesgericht Ex-Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann zur Finanzgebarung der 64-Jährigen und zu deren Umgang mit ihm zustehenden Honoraren Stellung genommen. Ausführlich schilderte Hartmann, wie Stantejsky 163.000 Euro zum Verschwinden brachte.

Als Hartmann vom damaligen Kunst-Staatssekretär Franz Morak (ÖVP) als Burgtheater-Direktor verpflichtet wurde, bekam er vor seinem Amtsantritt im Herbst 2009 Honorare in Höhe von 273.000 Euro zur Verfügung gestellt - „zur Vorbereitung der Intendanz“, wie er dem Schöffensenat (Vorsitz: Christoph Zonsics-Kral) erläuterte. Der Betrag setzte sich hauptsächlich aus seinen Inszenierungen „Faust I“ und „Faust II“, Rechteabgeltungen für fünf Produktionen, die Hartmann vom Schauspielhaus Zürich mit nach Wien brachte, und Übersiedlungskosten zusammen.

Stantejsky habe ihm „die Option“ aufgezeigt, „sich dieses Geld nicht sofort ausbezahlen zu lassen“, schilderte Hartmann. Er habe sich entschlossen, den Betrag „als Forderung gegen das Burgtheater stehen zu lassen, weil ich mein Auslangen hatte und es mir bequem schien“. Hartmann hatte von der Saison 2005/2006 bis 2009 das Schauspielhaus Zürich geleitet. Er habe es „für seriöser“ gehalten, eine „Forderung gegen einen staatlich subventionierten Betrieb“ zu besitzen, als das Geld stante pede in bar zu kassieren.

Stantejsky habe ihm hinsichtlich der 273.000 Euro einen Depotschein ausgestellt. Er sei davon ausgegangen, dass sein Honorar „in einem Burgtheater-Safe“ verwahrt wurde: „Ich würde niemals Geld einer Privatperson anvertrauen.“ Stantejsky habe ihm gesagt, er möge zwei bis drei Tage vorher Bescheid geben, wenn er Bares benötige. Das habe er drei Mal gemacht.

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Als Stantejsky im Herbst 2013 entlassen wurde - die Finanzmisere an der Burg war aufgepoppt -, habe er sie gefragt, wie er nun an sein restliches Geld komme, gab Hartmann zu Protokoll. Da habe sie ihm „offenbart, dass dieses Geld nicht im Burgtheater ist“. Sie habe ihm angeboten, einen Teil der offenen 163.000 Euro gleich zurückzuzahlen. Der Rest sollte später folgen. Das sei ihm „undurchsichtig vorgekommen“, also habe er sich mit Stantejsky bei einem Anwalt getroffen. Dieser habe Stantejsky gefragt, ob sie das Geld veruntreut hätte: „Sie hat ‚Ja‘ gesagt.“

Die kaufmännische Geschäftsführerin hatte Hartmanns Honorare in ihrer Wohnung gebunkert und - ihrer in diesem Punkt geständigen Verantwortung zufolge - widmungswidrig verwendet. Während sie behauptet, damit Rechnungen für das Burgtheater beglichen zu haben, geht die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) davon aus, dass die Angeklagte damit ihre Lebenshaltungskosten bestritten hat.

Die Finanz steht übrigens auf dem Standpunkt, dass Hartmann die zunächst 273.000 Euro bereits 2009 zugeflossen sind und die Summe somit gleich zu versteuern gewesen wäre. Darauf von Oberstaatsanwältin Veronika Standfest angesprochen, meinte der 56-Jährige: „Das ist die Entscheidung des Finanzamts, das so zu sehen.“ Er habe den Betrag „nicht in Österreich, sondern in der Schweiz versteuert“.

Hartmann bestätigte, dass Stantejsky ihm geraume Zeit vor Abschluss der gegen sie gerichteten strafrechtlichen Ermittlungen 70.000 Euro an Wiedergutmachung angeboten hätte. Darauf sei er nicht eingegangen. „In der Zwischenzeit sind alle meine Forderungen von der Haftpflichtversicherung des Aufsichtsrats (des Burgtheaters, Anm.) und Georg Springers beglichen worden“, stellte der Ex-Burg-Direktor klar.

„Ich bin der Meinung, dass wir ein gutes Verhältnis hatten“, meinte Hartmann grundsätzlich zu seiner geschäftlichen Beziehung zur kaufmännischen Leiterin des Burgtheaters. Stantejsky sei „eh und je die Schaltstelle des Burgtheaters“ gewesen. Sie habe ihm zu verstehen gegeben, dass ihn kaufmännische Angelegenheiten nichts angingen.

„Sie hat gemeint, alles was wir planen, ist schon im Budget“, hielt Hartmann fest. Dabei habe er nach Antritt seines Postens „Transparenz, wie Kosten entstehen“ eingefordert, weil das seiner Ansicht nach mit zu seinen Aufgaben gehörte. Im Unterschied zum Schauspielhaus Bochum und zum Schauspielhaus Zürich, die er zuvor geleitet hatte und wo er sich einen Überblick über die laufenden Kosten verschaffen konnte, sei ihm am Burgtheater beschieden worden, „dass das unüblich ist“, schilderte Hartmann: „Im Scherz wurde ich ein deutscher Kontroll-Freak genannt.“

Stantejsky habe ihm „nur Tabellen gezeigt, die mehr als unverständlich waren“. Ihn habe „irritiert, dass ich nichts sehen konnte“. Oft habe er die Produktionskosten für Inszenierungen nicht bzw. erst nach Monaten herausbekommen: „Die Kosten hab‘ ich dann nicht verstanden. Die waren exorbitant hoch.“ Wenn man von Stantejsky Erklärungen verlangt habe, habe man so viele Worte zu hören bekommen, „dass man am Ende nicht verstanden hat, was man am Anfang gesagt hat.“ Aus diesem Grund habe auch der Aufsichtsrat des Burgtheaters zusehends „aufgehört, Fragen zu stellen“, sagte Hartmann.

Die finanziellen Engpässe an der Burg habe er zu Beginn „überhaupt nicht, in keinster Weise“ gekannt, versicherte Hartmann. Erst in einer Aufsichtsrat-Sitzung im Jahr 2010 habe er von Verbindlichkeiten erfahren. Das habe ihn angesichts steigender Einnahmen aufgrund verstärkten Zuschauerzuspruchs und Einsparungen infolge von Pensionierungen überrascht. Ihm sei klar gewesen, dass er dieser Entwicklung „entgegenwirken“ und „meine Steuerungselemente“ einsetzen müsse. Allerdings sei er in die Erstellung der Jahresabschlüsse nicht eingebunden gewesen: „Auch ein Vorsitzender eines Automobilkonzerns muss drauf vertrauen, dass der Jahresabschluss korrekt ist.“

Er habe sich vor allem um Einsparungen im Personalbereich und bei Bühnenbildern bemüht, legte Hartmann dar. „Aber die finanzielle Gebarung konnte mir nicht geläufig gemacht werden, wie ich es wünschte“, bilanzierte der Ex-Burg-Direktor. Um die finanzielle Entwicklung begreifen zu können, habe er schließlich mit Peter Raddatz einen Finanzberater beigezogen: „Der hat auch nicht verstanden, dass meine Performance so gut ist und sich das nicht im Ergebnis niederschlägt.“

Auf die Frage, ob er Stantejskys psychische Befindlichkeit mitbekommen habe - ihren Angaben zufolge litt sie ab 2010 an starken Depressionen -, entgegnete Hartmann: „Ihr Stress wurde immer mehr.“ Er könne sich an ihren „keuchenden Husten“ erinnern und habe Stantejsky daher geraten, einen Arzt zu konsultieren. Sie sei jedenfalls „überlastet“ gewesen. In diesem Zusammenhang erwähnte der Zeuge einen Schauspieler, der mit der Bitte um Ausfüllen seiner Steuererklärung zu Stantejsky gekommen sei. Er wisse nicht, wie oft sie so etwas gemacht habe.

An Akonto-Zahlungen - für 23 Mitarbeiter und Werkvertragsnehmer wurden vom Burgtheater nachgewiesenermaßen insgesamt 137.000 Euro bezahlt, damit diese persönliche Steuern und Abgaben bei in- und ausländischen Finanzverwaltungsbehörden begleichen konnten - sei er „nicht beteiligt“ gewesen, insistierte Hartmann. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen“, erwiderte er auf eine entsprechende Frage des vorsitzenden Richters. Als Verteidigerin Isabell Lichtenstrasser ihn darauf mit einer Aussage Stantejskys konfrontierte, wonach er, Hartmann, mit einem prominenten deutschen Schauspieler (die APA nennt den Namen aus medienrechtlichen Gründen nicht, Anm.) zu Stantejsky gekommen sei und sie zur Auszahlung von 20.000 Euro an den Künstler aufgefordert habe, beschied ihr Hartmann: „Ich kann mich nicht erinnern“. - „Kann es vorgekommen sein?“ - „Die Antwort muss reichen. Daran kann ich mich nicht erinnern.“

Die abschließende Frage des Vorsitzenden, ob er sich dem Verfahren als Privatbeteiligter anschließe, verneinte Hartmann. Nach der Überweisung von 70.000 Euro seitens Stantejskys hätten „der Aufsichtsrat und Georg Springer“ die restliche aushaftende Summe gut gemacht, bekräftigte der Zeuge. Darauf wandte sich die Angeklagte direkt an Hartmann: „Auch wenn du das Geld von anderen gekriegt hast: ich habe dir damals schon gesagt, dass es mir leidtut.“

Die Verhandlung wurde nach einer kurzen Pause mit der zeugenschaftlichen Befragung von Georg Springer fortgesetzt.




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