Letztes Update am Sa, 23.11.2019 16:07

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Südtirol: Van der Bellen und Mattarella setzen auf Harmonie



50 Jahre nach der Annahme des sogenannten „Südtirol-Pakets“ in der Nacht auf den 23. November 1969 sind am Samstag Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella und Bundespräsident Alexander Van der Bellen in Südtirol zusammengekommen. Bei einem Festakt auf Schloss Tirol bei Meran hoben sie Südtirol als weltweites Vorzeigemodell hervor. Anschließend kam es zu gemeinsamen geschichtsträchtigen Gedenken.

„Südtirol ist ein weltweites Vorzeigemodell des gelebten Minderheitenschutzes“, erklärte Van der Bellen in seiner Rede. Es sei ein „blühendes, friedliches Land, ein ganz besonderes Land“, so Van der Bellen. „Österreich wird auch in Zukunft an der Seite Südtirols stehen“, betonte der Präsident die Schutzfunktion Österreichs und sprach gleichzeitig von einer „guten nachbarschaftlichen Zusammenarbeit“ mit Italien. Ein Zeichen dafür sei auch das Treffen mit seinem Amtskollegen anlässlich „50 Jahre Südtirol-Paket“ und 100 Jahre Friedensvertrag von Saint-Germain mit der Abtrennung Südtirols von Österreich. „Das ist alles nicht ganz selbstverständlich“, so der Bundespräsident. Die Annahme des Südtirol-Pakets bei der Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei vor 50 Jahren sei jedenfalls ursächlich gewesen für die heutige „moderne Autonomie Südtirols“.

„Wir sind durch eine enge Freundschaft verbunden“, unterstrich auch Mattarella die Beziehung zwischen Österreich und Italien sowie jener der Staatsoberhäupter. Die Autonomie Südtirols habe einen „langen, positiven Weg zurückgelegt“ und sei ein „weltweites Beispiel für ein friedliches Zusammenleben“. Mattarella verwies aber auch darauf, dass die Autonomie auch „dunkle Zeiten hinter sich“ habe und erwähnte dabei die Anschläge des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS), die schließlich in die sogenannte „Feuernacht“ vom 11. auf den 12. Juni 1961 mündeten. Vorwiegend habe es aber „Phasen intensiver Zusammenarbeit“ gegeben.

Der italienische Staatspräsident erinnerte auch an die Zeiten von Nationalsozialismus auf deutscher und von Faschismus auf italienischer Seite. „Die Angriffe der Diktatur sind unzumutbar gewesen“, erklärte Mattarella und sprach von einer „Politik der ethnischen Säuberung“. Auf Reizthemen wie die offene Frage der Begnadigung der noch lebenden Südtirol-Aktivisten oder jene der Doppelstaatsbürgerschaft gingen Van der Bellen und Mattarella in ihren Reden indes nicht ein.

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Der Festakt auf Schloss Tirol verlief zwischen den Staatschefs übrigens auch äußerlich sehr harmonisch. So traten Van der Bellen und Mattarella etwa mit wechselseitigen Ehrenzeichen ihrer jeweiligen Staaten am Revers auf.

Vor Van der Bellen und Mattarella hatte Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher (SVP) in seiner Rede den Pakt vor 50 Jahren als „Sieg des Veränderungswillens über das Misstrauen“ und als eine „Sternstunde der Demokratie“ bezeichnet. Südtirol stehe heute dank der Autonomie „wirtschaftlich und kulturell gut da“, eine langfristige „Assimilierung“ habe nicht stattgefunden. Die Autonomie müsse auch heute ständig weiterentwickelt und an neue Erfordernisse angepasst werden, betonte Kompatscher. Der Landeshauptmann schlug auch nachdenkliche und warnende Töne an. „Diese positive Entwicklung wird aber nachhaltig gestört, ja aufs Spiel gesetzt, wenn es immer wieder ein Zündeln und gegenseitiges Provozieren gibt“, kritisierte er und wies etwa auf den „Umgang mit Symbolen der belasteten und belastenden Vergangenheit“ hin.

Für eine Weiterentwicklung der Südtirol-Autonomie sprach sich indes auch Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) gegenüber der APA aus. Platter machte zudem klar, dass er sich ein eigenes Südtirol-Kapitel im kommenden Koalitionsabkommen einer österreichischen Bundesregierung inklusive Bekräftigung der Schutzfunktion wünsche. Eine Begnadigung der Südtirol-Aktivisten wäre laut Platter indes „an der Zeit“. Der „Wunsch“ sei deponiert, nun liege der Ball in Rom.

Nach dem Festakt reisten Mattarella und Van der Bellen nach Bozen weiter. Dort kam es zu zwei kurzen geschichtsträchtigen Gedenken. Am Bozner Ansitz Stillendorf wurde des Südtiroler Lehrers Franz Innerhofer vor dessen Gedenktafel gedacht. Dieser war am „Blutsonntag“ des 21. April 1921 beim Versuch, einen Schüler zu beschützen, von faschistischen Schlägern erschossen worden. Noch nie hatte ein italienischer Staatspräsident zuvor einem Südtiroler Opfer des Faschismus die Ehre erwiesen.

Und schließlich legten die beiden Staatsoberhäupter an der Mauer des Bozner Durchgangslagers während der Nazi-Zeit einen Kranz nieder. Zum ersten Mal setzten die beiden Präsidenten von Italien und Österreich gemeinsam ein solches Zeichen.




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