Letztes Update am Do, 28.11.2019 18:38

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


28 Tote nach Eskalation im Irak



Nach einem der blutigsten Tage seit Ausbruch der Protestwelle im Irak vor rund zwei Monaten wächst der Druck auf die Regierung in Bagdad. Bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in der südirakischen Stadt Al-Nassiriya kamen mindestens 28 Menschen ums Leben, wie es am Donnerstag aus der lokalen Gesundheitsbehörde hieß.

224 Menschen seien verletzt worden, viele davon schwer. Augenzeugen berichteten, die Sicherheitskräfte hätten Schusswaffen und Tränengas eingesetzt, um die Demonstranten auseinanderzutreiben und eine blockierte Brücke zu öffnen.

Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi setzte daraufhin den örtlichen Militärkommandanten Jamil al-Shummari ab. Abdel Mahdi hatte den General erst kurz zuvor beauftragt, in Nassiriya „die Ordnung wiederherzustellen“. Wie die Militärführung am Morgen mitteilte, entsandte der Regierungschef mehrere Militärkommandanten in die südlichen Provinzen, um dort den Gouverneuren zur Seite zu stehen und die Sicherheitskräfte zu „kontrollieren“. In Nassiriya eskalierte aber kurz nach der Entsendung von Al-Shummari die Gewalt.

In Irak Hauptstadt Bagdad und in vielen Regionen im Süden des Landes waren Anfang Oktober Proteste gegen die politische Elite des Landes und die ausufernde Korruption ausgebrochen. Die Demonstranten fordern einen Rücktritt der Regierung sowie ein neues politisches System. Bei den Protesten kamen bereits mehr als 300 Menschen ums Leben, die meisten davon Demonstranten. Menschenrechtler werfen den Sicherheitskräften einen unangemessenen Einsatz von Gewalt vor.

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Der einflussreiche schiitische Geistliche Muktada al-Sadr rief die Regierung von Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi zum sofortigen Rücktritt auf. „Wenn die Regierung nicht zurücktritt, ist das der Anfang vom Ende des Irak“, teilte er mit. Sie dürfe nicht dazu beitragen, dass sich das Land in ein „zweites Syrien“ verwandele. In dem Nachbarland des Iraks tobt seit fast neun Jahren ein Bürgerkrieg.

Al-Sadrs Block hatte bei der Wahl im Irak im Mai 2018 die meisten Sitze im Parlament gewonnen. Der Kleriker war maßgeblich daran beteiligt, Abdel Mahdi auf den Posten des Regierungschefs zu heben.

Der Irak gehört weltweit zu den Ländern mit den größten Erdölvorkommen. Allerdings ist der Reichtum ungleich verteilt. Kritiker werfen der politischen Elite vor, sich an den Einnahmen des Staates hemmungslos zu bedienen. Zudem leidet das Land unter einer schlechten Infrastruktur, etwa einer unzureichenden Stromversorgung.

Der Iran verurteilte den Angriff auf sein Konsulat in Najaf scharf. „Von der irakischen Regierung erwarten wir eine lückenlose Aufklärung und ein konsequentes Vorgehen gegen die Täter“, sagte Außenamtssprecher Abbas Mousavi am Donnerstag. Am Mittwochabend hatten Demonstranten in der Stadt Najaf das iranische Konsulat angegriffen und in Brand gesetzt.

Der schiitische Nachbar besitzt im Irak großen politischen Einfluss. Er unterstützt dort mächtige schiitische Milizen. Die Demonstrationen im Irak richten sich immer wieder gegen diesen Einfluss, auch im mehrheitlich schiitischen Süden des Landes.

Für die Schiiten ist Najaf eine der heiligsten Städte. Hier befindet sich die Grabmoschee des 661 ermordeten Imam Ali. Die Schiiten sehen in dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed und vierten Kalifen den ersten rechtmäßigen Nachfolger des Religionsstifters.




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