Letztes Update am Sa, 30.11.2019 09:50

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gerti Drassl beeindruckte in Melk mit Lavant-Abend



Faszinierend, beklemmend und zugleich voll subtiler Poesie ist am Freitagabend der Abschluss des diesjährigen Festivals „Wachau in Echtzeit“ gelungen: Gerti Drassl und das Trio „Brot und Sterne“ gestalteten in der Tischlerei Melk Kulturwerkstatt die „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ von Christine Lavant zu einer beeindruckenden musikalischen Erzählung.

Sechs Wochen verbrachte Lavant im Jahr 1935 als Zwanzigjährige nach einem Suizidversuch in der „Landes-Irrenanstalt“ Klagenfurt. Elf Jahre später verarbeitete sie ihre Erlebnisse zu einem inneren Monolog, in dem zentrale Themen ihres Schreibens, aber auch biografische Fakten aufblitzen und auf geradezu verstörende Weise manche Topoi berühren, die heute von aktueller Bedeutung sind, vom latenten Missbrauch bis zur obrigkeitlich-rücksichtslosen Attitüde selbstherrlicher Amtsinhaber.

Drassl hat sich intensiv mit Lavant beschäftigt und in die sensible Denk- und Gefühlswelt der Dichterin hineinversetzt. Da bedarf es keines Outrierens, im Gegenteil, eher leise, aber überaus differenziert bis ins kleinste Detail und mit umso größerer Intensität landen die Emotionen im Zuhörerraum. Und wenn die Stimme knapp vorm Einknicken scheint oder ein seltsames Lachen hervorbricht als deutliche Ahnung vom nahen Wahnsinn, geht das schon tief unter die Haut.

Die Formation „Brot und Sterne“ - bestehend aus Franz Hautzinger (Trompete), Matthias Loibner (Drehleier) und Peter Rosmanith (Perkussion, Hang) - illustriert nicht im vordergründigen Sinn, sondern eröffnet weite Räume, in denen World-Music-Elemente unkapriziös zur Geltung kommen und freie Assoziationsbrücken anbieten. Als Hörspiel ist die Produktion im Mandelbaum Verlag auf CD erschienen und wurde auch von Ö1 gesendet, in Melk war sie nun erstmals in gesamter Länge live zu erleben.




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