Letztes Update am So, 01.12.2019 13:03

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Stardirigent Mariss Jansons gestorben



Mariss Jansons ist im Alter von 76 Jahren in St. Petersburg gestorben. Mit gesundheitlichen Problemen hatte der lettische Stardirigent schon länger zu kämpfen, was den Letten jedoch nicht davon abhielt, stets möglichst schnell wieder an das Pult der renommiertesten Orchester der Welt zurückzukehren. Dazu liebte er die Musik zu sehr und das Publikum ihn.

Jansons gehörte zu den renommiertesten Dirigenten seiner Generation. Allerdings stach er in der unscharfen Kategorie der „Stardirigenten“ als einer der wenigen heraus, der praktisch keinerlei Starallüren hatte. Wie einst Claudio Abbado gehörte er zu den wenigen Pultregenten, die menschlich praktisch keinerlei Feinde zu haben schienen. Wenn man dem Musikliebhaber Jansons einen Fehler zuschreiben konnte, dann, dass er stets für seine Berufung brannte, auch wenn dies letzltich auf Kosten der Gesundheit ging. Zwei Herzinfarkte hatte der Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks zu verkraften, und zuletzt musste er die für Donnerstag und Montag angesetzten Konzerte mit den Wiener Philharmonikern nach einem Riss der Achillessehne absagen.

Die Arbeit am Pult der großen Orchester stand für den am 14. Jänner 1943 als Sohn des Dirigenten Arvid Jansons in Riga geborenen Maestro schlicht über allem. Er studierte mit Auszeichnung Violine, Klavier und Dirigieren am Konservatorium Leningrad. 1969 setzte er seine Ausbildung in Wien bei Hans Swarowsky und in Salzburg bei Herbert von Karajan fort. Zwei Jahre später siegte er im internationalen Herbert-von-Karajan-Wettbewerb in Berlin.

1973 wurde er Assistent von Jevgeni Mravinsky bei den St. Petersburger Philharmonikern, deren Chefdirigent er 1985 wurde. Er war 1979 bis 2000 Musikdirektor des Philharmonischen Orchesters in Oslo, das unter ihm eine viel beachtete Entwicklung nahm. Bereits 1996 erlitt er während eines „Boheme“-Dirigates in Oslo einen Herzinfarkt, kurz darauf im Spital einen zweiten. Eine siebenmonatige Zwangspause folgte, doch die Aufgaben, die er danach annahm, wurden nicht weniger.

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1997 bis 2004 war er in den USA musikalischer Direktor beim Pittsburgh Symphony Orchestra. 2003 folgte Jansons Lorin Maazel als Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks nach - eine Position, für die sein Vertrag noch bis 2021 gelaufen wäre. In München etablierte er sich als nimmermüder - und letztlich erfolgreicher - Kämpfer für einen neuen Konzertsaal.

Zudem leitete der Maestro seit 2004 das Königliche Concertgebouw Orchester in Amsterdam und stand damit zwei der besten Klangkörper der Welt vor, wobei er in Amsterdam 2015 aus dem Amt schied. Als überaus gefragter Gastdirigent hat er in den vergangenen Jahren mit praktisch allen bedeutenden Orchestern der Welt zusammengearbeitet.

Dazu gehörten nicht zuletzt die Wiener Philharmoniker, deren Neujahrskonzert Jansons 2006, 2012 und zuletzt 2016 leitete. Einen letzten großen Triumph feierte der Lette mit den Wienern im Vorjahr bei den Salzburger Festspielen, als er Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ bei den Festspielen dirigierte - ein weiteres seiner Leib-und-Magen-Stücke.

Nicht nur vom Publikum, auch von den Entscheidungsträgern wurde der stets konziliante, selbstironische Dirigent geliebt. Zu seinen Ehrungen zählten der Rang eines Kommandanten mit Stern des Königlichen Norwegischen Verdienstordens, die höchste Auszeichnung, die Norwegen an Ausländer zu vergeben hat, die Ehrenmitgliedschaft der Royal Academy of Music in London sowie der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 2009 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst und im Jahr darauf den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst.

2017 wurde ihm die renommierte Goldmedaille der britischen Royal Philharmonic Society zugesprochen und im Vorjahr die Ehrenmitgliedschaft bei den Berliner und wenige Monate später auch bei den Wiener Philharmonikern. Im gleichen Jahr folgte die Festspielnadel der Salzburger Festspiele, die gleichsam einer Ehrenmitgliedschaft des Festivals entspricht. Die vielleicht ungewöhnlichste Auszeichnung wurde Jansons aber anlässlich seines 75. Geburtstages im Vorjahr zuteil: Eine von zwei Züchtern aus Lettland und den Niederlanden erschaffene Tulpe wurde nach ihm benannt.

Betroffen haben Vertreter aus Klassik und Politik auf den Tod des Dirigenten Mariss Jansons reagiert. „Wir sind unfassbar traurig“, schreibt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf seiner Internetseite zum Ableben seines Chefdirigenten. „Ihr Talent wird immer im Sternbild Lettlands und der Weltmusik bleiben und in unseren Herzen“, twitterte Lettlands Staatspräsident Egils Levits.

„Wir danken ihm für seine Liebe und Hingabe zur Musik, für seine positive Energie und Inspiration“, schrieb der lettische Außenminister Edgars Rinkevics ebendort zu Tod des lettischen Maestro.

Wiener-Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer sprach am Sonntag vor dem Abokonzert des Klangkörpers von einer „traurigen und erschütternden Nachricht“. Mit Ehrenmitglied Mariss Jansons habe die Philharmoniker „eine jahrzehntelange enge künstlerische Partnerschaft und eine tiefe persönliche Freundschaft“ verbunden.

Auch der Wiener Singverein trauert. Man habe über die Jahre mehrmals mit Jansons arbeiten dürfen, heißt es auf Twitter. „Jedes einzelne Konzert war eine Erfahrung, die wir für immer in unserem Herzen bewahren werden. Wir werden ihn sehr vermissen.“

Jansons starb in der Nacht auf Sonntag im Alter von 76 Jahren an Herzversagen, wie die APA aus seiner Künstleragentur erfahren hat. Der 1943 in Riga geborene Jansons zählte zu den bedeutendsten Dirigenten weltweit und hat mit allen wichtigen Orchestern der Welt gearbeitet.




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