Letztes Update am Mo, 02.12.2019 13:49

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Guterres eröffnet Klimakonferenz mit eindringlichem Appell



In Madrid hat am Montag die 25. UNO-Klimakonferenz begonnen. Zum Auftakt wählte UNO-Generalsekretär Antonio Guterres eindringliche Worte, um das Ausmaß der Klimakrise deutlich zu machen und ein rasches Umsteuern einzufordern. Die Menschheit müsse wählen zwischen dem Weg der „Hoffnung“ und dem der „Kapitulation“ beim Klimaschutz.

„Wollen wir wirklich als die Generation in Erinnerung bleiben, die den Kopf in den Sand steckte, die herumbummelte, während die Erde in Flammen stand?“, fragte er. Vor den Vertretern aus fast 200 Ländern, zu denen am Montag auch rund 40 Staats- und Regierungschefs, darunter Bundespräsident Alexander Van der Bellen, zählten, machte Guterres keinen Hehl aus seiner „Frustration“ über die unzureichenden Klimaschutzmaßnahmen.

Die Welt stehe an einem „Wendepunkt“ und könne nun den „Weg der Hoffnung“ einschlagen: „Einen Weg der Entschlossenheit und der dauerhaften Lösungen. Einen Weg, bei dem die fossilen Energien bleiben, wo sie sind - im Boden und bei dem wir bis 2050 CO2-Neutralität erreichen“. Dazu müsse die „Abhängigkeit von der Kohle“ aufgegeben werden, mahnte Guterres. Vor Beginn der Klimakonferenz hatten bereits eine Reihe von Hilfsorganisationen erneut Alarm geschlagen und unter anderem vor Millionen Flüchtlingen durch klimabedingte Katastrophen gewarnt.

Der Präsident des letztjährigen Treffens im polnischen Kattowitz, Michał Kurtyka, übergab den Vorsitz am Montag offiziell an die chilenische Regierung. Wichtigste Aufgabe für die rund 200 Mitgliedsstaaten des Pariser Klimavertrags ist es, das „Rulebook“ fertigzustellen. Auch der Streit über die „Marktmechanismen“ könnte weiter gehen. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Thema „Loss and Damage“. Hier geht es um die Zahlungen der Industriestaaten als Entschädigung für bereits eingetretene Klimaschäden an die Entwicklungsländer.

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Kurtyka meinte, es habe sich viel geändert seit dem vergangen Jahr. „Die Welt kommt vielleicht noch nicht so schnell voran, wie wir das gern hätten“, sagte er. „Aber meine Hoffnung liegt vor allem auf den jungen Leuten. Sie haben den Mut, sich laut zu Wort zu melden und uns daran zu erinnern, dass wir diesen Planeten von unseren Eltern geerbt haben und ihn den künftigen Generationen weitergeben müssen“, sagte er mit Blick auf die globalen Klimaproteste der Bewegung FridaysForFuture.

Bei der auf zwölf Tage angesetzten Weltklimakonferenz hat Chile mit seiner Umweltministerin Carolina Schmidt den Vorsitz. Wegen der Unruhen in Chile sprang aber Spanien kurzfristig als Gastgeberland ein. Erwartet werden rund 29.000 Teilnehmer, darunter auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Mit Blick auf die von der jungen Schwedin initiierten weltweiten Klimaschutzbewegung FridaysForFuture sagte Guterres in Madrid, die Regierungen sollten „den Menschenmassen, die den Wandel fordern“, zuhören und wissenschaftliche Erkenntnisse über die Gefahren des Klimawandels nicht ignorieren. „Weniger zu tun, hieße die Menschheitsfamilie in ihrer Gesamtheit und alle künftigen Generationen zu verraten“, warnte der UNO-Generalsekretär.

Zu den Knackpunkten der Verhandlungen gehören Hilfen für die Entwicklungsländer bei der Bewältigung klimabedingter Schäden sowie konkrete Regeln zur Einbeziehung von Marktmechanismen bei der Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens. Umweltorganisationen dringen darauf, dass in Madrid zumindest ein paar große Emittenten wie die EU eine Anhebung ihrer Klimaschutzziele fest zusagen.

Mit einem Kuscheleisbären hielt Van der Bellen seine Rede am Eröffnungstag der Klimakonferenz. Ein Geschenk für einen Sechsjährigen, verriet er den anwesenden Staats- und Regierungschefs am Montag. In einer „Climate-Fiction“ erläuterte das Staatsoberhaupt dann, wie die Welt in 30 Jahren aussehen könnte: Der Weg dahin sei eine Entscheidung und kein Schicksal.

Inhaltlich ging es beim dem Treffen, bei dem auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen anwesend war, um die nationale Pläne zur Steigerung der Ambitionen bis 2020. „2020 ist das Jahr, in dem wir unsere nationalen Klimapläne nachbessern müssen. Und ab da darf es mit den klimaschädlichen Treibhausgas-Emissionen nur mehr in eine Richtung gehen: Nach unten!“, lautete der Appell Van der Bellens.

Das Kuscheltier werde er dem Sohn einer Mitarbeiterin mit dem Namen David zum sechsten Geburtstag schenken: „Wir müssen Strom sparen, sonst sterben die Eisbären“, sagte dieser laut Van der Bellen beim Anblick der Kristallluster in der Wiener Hofburg. Mit einer kurzen Schilderung von zwei möglichen Welten im Jahr 2050, einer mit und einer ohne ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen. In der einen ist Wien eine Hitzepool, in der es inzwischen das tropische Dengue-Fieber gibt, in der anderen fahren die Fahrzeuge jeweils mit Elektroantrieb durch eine inzwischen begrünte Bundeshauptstadt, „aus vielen Ölkonzernen sind Sonnenkonzerne geworden“.

„Es ist nicht Schicksal“, resümierte van der Bellen, „es ist schlicht und einfach unsere Entscheidung“, und kommendes Jahr sei die Entscheidung fällig, die nationalen Klimapläne nachzubessern. Im Zuge dieser Entscheidung riet das Staatsoberhaupt seinen Kollegen und den Regierungschef, an die Kinder zu denken, „denn unsere Kinder werden später auch an uns denken, daran, was wir getan haben. Oder daran, was wir nicht getan haben“, schloss der Bundespräsident.

Unterdessen ging die Begutachtungsfrist für den Nationalen Energie- und Klimaplan (NEKP) zu Ende. Mehrere heimische Umweltschutzorganisationen zerpflückten die Gesetzesvorlage der Regierung als „untaugliches Flickwerk“. „Mit dem aktuellen Plan nimmt die Politik fahrlässig Strafzahlungen in Milliardenhöhe in Kauf“, kritisierten Global 2000, VCÖ, WWF und Vier Pfoten, die sich unter dem Dach von Ökobüro - Allianz der Umweltbewegung für „eine grundlegende Sanierung des untauglichen Entwurfs“ stark machen. Falls die aktuelle Regierung dazu nicht bereit sei, „dann soll sie diese Aufgabe einer zukünftigen Bundesregierung übertragen“.

Dass die amtierenden Politiker als Übergangsregierung keine Angaben zu Finanzierung oder Änderungen im Steuersystem machen möchten, lassen die Umweltschützer nicht gelten. Das seien wesentliche Eckpunkte „und keine Nebensächlichkeiten“. „Dieses völlig untaugliche Flickwerk darf nicht als unser Klimaplan an die Europäische Kommission geschickt werden“, forderten die NGOs.




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