Letztes Update am Mo, 02.12.2019 14:19

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Seisenbacher-Prozess wird fortgesetzt



Am Wiener Landesgericht ist am Montag der Missbrauchsprozess gegen Judo-Doppelolympiasieger Peter Seisenbacher fortgesetzt worden. Der 59-Jährige beharrte vor dem Schöffensenat weiter auf seiner Schuldlosigkeit: „Ich bleibe bei meiner Aussage vom ersten Tag.“ Laut Anklage soll sich Seisenbacher an zwei Unmündigen in seiner Funktion als ihr Trainer vergangen haben.

„Haben Sie das Gefühl gehabt, dass sie gelogen haben?“, sprach der Richter den Angeklagten direkt auf die beiden Hauptbelastungszeuginnen an, die am vergangenen Montag unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt hatten und dabei ihre bisherigen Angaben aufrechterhalten haben sollen. Laut Anklage soll sich Seisenbacher an den beiden damals Unmündigen als ihr Trainer vergangen haben. „Sie sagen die Unwahrheit“, insistierte Seisenbacher. In Bezug auf jene ehemalige Schülerin, die er der Anklage zufolge mehrere Dutzende Male missbraucht haben soll, erklärte der 59-Jährige, es sei „sicherlich ein Teilaspekt“ der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, dass er sie bei einem Studien-Aufenthalt in Japan nicht unterstützt habe. Er glaube daher beweisen zu können, „dass sie hier ein Märchen erzählt hat“.

Die langjährige Lebensgefährtin Seisenbachers erklärte im Anschluss im Zeugenstand, der Olympiasieger habe zu den beiden Schützlingen „ein ganz normales freundschaftliches Trainer-Schüler-Verhältnis“ gehabt. Was Berührungen betrifft, sei ihr nichts aufgefallen: „Wenn ich nur ansatzweise ein komisches Gefühl gehabt hätte, dass da etwas mit Mädchen ist, dann hätte ich sicher keine Beziehung mit ihm geführt.“ Die beiden Mädchen hätten hin und wieder auf ihre Kinder aus einer vorangegangenen Beziehung aufgepasst.

Vernommen wurde auch ein Mann, der seinerzeit in Seisenbachers Judo-Verein trainiert und an Wochenenden an Trainingslagern teilgenommen hatte. „Es gab komische Situationen, wo ich mich sehr unwohl gefühlt habe“, schilderte der mittlerweile 29-Jährige. Bei einer Gelegenheit habe er in der Nacht im Matratzenlager in Seisenbachers Schlafsack „eindeutige Bewegungen wahrgenommen, die ich sehr komisch gefunden habe als kleines Kind“. Er sei damals acht oder neun Jahre alt gewesen. Die Bewegungen beschrieb der Zeuge als „ruckartig“ und „schaukelig“: „Ich wusste, da passiert etwas.“ Im Schlafsack hätte sich eine zweite Person befunden, nahm der 29-Jährige an.

Bei einer anderen Gelegenheit habe er beim Übernachten in einem Trainingslager eine der laut Staatsanwaltschaft von sexuellen Übergriffen Betroffene halbnackt am Rücken neben ihrem Schlafsack liegend wahrgenommen: „Sie war wie eingefroren.“ Seisenbacher habe sich über das Mädchen gebeugt. Ihm sei klar gewesen, „dass mir das kein Mensch glauben wird. Ich war immer der Träumer, der Fantasierer“, gab der Zeuge an.

Vor der Einvernahme einer Frau, die als 16-Jährige einen sexuell konnotierten Annäherungsversuch Seisenbachers während eines Judo-Sommerlagers im August 2001 abgewehrt haben soll, und der detaillierten Befragung einer weiteren Zeugin, die als ebenfalls 16-Jährige mit Seisenbacher eine einvernehmliche sexuelle Beziehung unterhalten hatte, wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Der Schöffensenat wies sämtliche zusätzliche Beweisanträge von Verteidiger Bernhard Lehofer ab. Der Anwalt hatte unter anderem die zeugenschaftliche Befragung mehrerer ehemaliger Schüler Seisenbachers sowie von drei Ex-Trainern in Seisenbachers früherem Judo-Verein verlangt, um damit zu beweisen, dass die inkriminierten Missbrauchshandlungen nicht stattgefunden hatten. Für den Senat hatten die Beweisanträge keine Relevanz.

Um 13.40 Uhr begann Richter Christoph Bauer mit Verlesungen aus dem Gerichtsakt. Anschließend werden die Staatsanwälte, die Privatbeteiligtenvertreterinnen und der Verteidiger ihre Schlussvorträge halten. Mit dem Urteil dürfte am späten Nachmittag oder frühen Abend zu rechnen sein.




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