Letztes Update am Di, 03.12.2019 13:17

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Box-Schwergewichte in der Wüste: Saudis richten WM-Kampf aus



Boxer sind den Geruch von Schweiß gewohnt, und den Geschmack von Blut auf den Lippen. Doch am Montagabend nahmen die Schwergewichtlicher Andy Ruiz jr. und Anthony Joshua etwas ganz anderes wahr, als die Riesen in einem Einkaufszentrum der saudischen Hauptstadt Riad vor Journalisten standen: den süßlichen Duft von Oud-Parfüm, mit dem die Luxus-Mall ihre Kunden beglücken will.

Wenn der US-Boy Ruiz und der Brite Joshua am kommenden Samstag (21.30 Uhr MEZ/live DAZN) im Rückkampf um die WM-Titel der IBF, WBA, WBO und IBO aufeinandertreffen, dann ist vieles anders, als es die beiden kennen. Das erste Duell hatte Ruiz Anfang Juni durch technischen K.o. in der siebenten Runde überraschend für sich entscheiden.

Mit dem zweiten Fight der beiden betritt die Box-Welt nun Neuland: Erstmals wird um den Schwergewichtsthron im islamisch-konservativen Saudi-Arabien gekämpft, mitten in der Wüste der arabischen Halbinsel, wo ein solcher Kampf vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Doch das Königreich erlebt einen Wandel, der das lange nach außen abgeschottete Land liberalisieren und für die Welt öffnen soll.

Die saudische PR-Maschine läuft dafür auf Hochtouren. „Clash on the Dunes“ („Kampf auf den Dünen“) haben die Veranstalter den Kampf getauft. Das erinnert ein wenig an „Rumble in the Jungle“, den legendären Fight zwischen George Foreman und Muhammad Ali 1974 in Kinshasa.

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Auch der Ort könnte kaum prestigeträchtiger sein. Ruiz und Joshua steigen in Dyriah in den Ring, einen Vorort Riads, wo einst der erste Palast der Königsfamilie Al Saud stand. Dort haben die Veranstalter für den Kampf in kurzer Zeit eine Arena für 15.000 Zuschauer bauen lassen.

„Das ein historisches Ereignis“, jubelte der Chef des saudischen Veranstalters SCEE, Prinz Khalid bin Abdulaziz, am Montag am Rande des Pressetermins. „Das ist die größte Sportveranstaltung in der Geschichte Saudi-Arabiens.“

Das reiche Königreich lässt sich den Kampf einiges kosten. 100 Millionen US-Dollar (90,72 Mio. Euro), heißt es in Riad, habe SCEE für das WM-Duell auf den Tisch gelegt. Und der Kampf ist nur eine von mehreren Sportveranstaltungen, die die saudische Führung ins Land geholt hat.

Bereits im November begann dort die neue Formel E-Serie. Das Supercup-Finale der italienischen Fußballliga wird schon zum zweiten Mal im Königreich gespielt, im Jänner sollen auch vier spanische Topteams in der Wüste antreten. Und für Dezember hat Saudi-Arabien Stars der Tennis-Szene zum „Dyriah Cup“ geladen. Bei der Öffnung des Landes gilt die Devise: Je größer desto besser. An Geld herrscht kein Mangel.

Die Sportveranstaltungen sind Teil eines Programms, das Kronprinz Mohammed bin Salman die „Vision 2030“ nennt. Damit will der Thronfolger, der eigentliche Herrscher des Königreichs, das Land umbauen und unabhängiger vom Öl machen, das irgendwann versiegen wird.

Dafür hat er Saudi-Arabien eine gesellschaftliche Öffnung verordnet. So dürfen Frauen seit dem vergangenen Jahr auch in Saudi-Arabien Auto fahren. In den Einkaufszentren sieht man mittlerweile Frauen ohne Kopftuch, früher ein Tabu. Internationale Popstars treten im Königreich auf. Auch mit den Sportveranstaltungen wollen die Herrscher die eigene Bevölkerung unterhalten, das Land aber auch als Ziel für Urlauber verkaufen, denn der Ausbau des Tourismussektors ist ein zentraler Baustein der „Vision 2030“.

Der Sport dient aber auch als Mittel im politischen Konflikt mit Katar. Vor zwei Jahren haben Riad und seine Verbündeten eine Blockade über das benachbarte Emirat verhängt. Als Vorwand diente ihnen Katars angebliche Unterstützung für den Terrorismus. Das Emirat hat sich mit seinem Reichtum aus dem Gasexport zu einem einflussreichen Akteur in der internationalen Sportszene entwickelt und trägt 2022 die Fußball-WM aus - was Saudi-Arabien mit Argusaugen betrachtet.

Riad verfolgt deshalb das Ziel, Katar auf diesem Feld den Rang abzulaufen. Sogar von Olympischen Sommerspielen träumt das Königreich. „In der Zukunft wird Saudi-Arabien die größten Sportveranstaltungen beheimaten“, kündigte Prinz Khalid bereits mehrfach an. Auch Olympia sei möglich: „Warum nicht?“

Kritiker hätten auf diese Frage eine einfache Antwort: weil es um die Menschenrechte im Königreich schlecht gestellt ist. Vor mehr als einem Jahr etwa ließ die Führung Dutzende Menschenrechtsaktivisten verhaften, von denen viele noch immer im Gefängnis sitzen. Widerworte duldet die Führung nicht.

Vor allem aber der brutale Mord an dem regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul liegt wie ein dunkler Schatten über dem Land. Kronprinz Mohammed bin Salman steht unter Verdacht, in die Tat verwickelt zu sein. Diesen konnte das Königreich bisher nicht entkräften - mag das saudische Oud-Parfüm noch so süßlich duften.




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