Letztes Update am Sa, 03.05.2014 13:59

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ukraine: Odessa - die Vorgeschichte der Tragödie



Odessa/Kiew/Moskau (APA) - Selbst noch kurz vor dem Ausbruch der Straßenschlachten in Odessa hatte nichts darauf schließen lassen, dass dieser Freitag mit mehr als 40 Todesopfern und einer Tragödie enden würde, die wohl in die Stadtgeschichte eingehen wird.

Bis zuletzt hatten sich hier die Anhänger einer einheitlichen Ukraine und ihre Gegner, die ausgehend von russischen Massenmedien als „Anhänger der Föderalisierung“ bezeichnet werden, um ein friedliches Gegeneinander bemüht.

Der 1. Mai gilt in diesen südlichen Breiten als Auftakt der Tourismussaison, und angesichts von herrlichem Wetter war die Stadt zuvor vor allem in Feiertagsstimmung: Ein Hotelier hatte zu einem Kussmarathon eingeladen, entlang der Uferpromenaden flanierten bestens gelaunte Menschen und die schicken Bars im Stadtzentrum, die bereits ihre Gastgärten ausgerollt haben, waren in den Abend- und Nachtstunden bestens besucht.

Und auch jene US-amerikanischen und westeuropäischen Männer auf der Suche nach deutlich jüngeren Odessitinnen - eine für die Schwarzmeermetropole übliche Szenerie - waren erneut im Stadtbild zu beobachten. Vereinzelt wurde jedoch beklagt, dass aufgrund aktueller Probleme bei der Einreise Touristen aus Russland zu einem guten Teil ausgeblieben seien. Die ukrainischen Grenzbehörden hatten zuletzt Hunderten russischen Staatsbürgern der jüngeren Generation die Einreise versagt und dies unter anderem mit dem Verdacht begründet, dass sich diese etwa an Massenunruhen aktiv beteiligten könnten.

Neben Plakaten zur Präsidenten- und Bürgermeisterwahl am 25. Mai - die Stadt ist regelrecht mit Porträts der jeweiligen Kandidaten der „Partei der Regionen“ Michajlo (Michail) Dobkin und Hennadij (Gennadi) Truchanow zugepflastert - musste man im öffentlichen Raum genau hinsehen, um konkrete Spuren der politischen Konfrontation zu entdecken. Denn jene in der ganzen Innenstadt angebrachten Graffiti, in denen negative Auswirkungen des Maidan angeprangert werden, wurden von Anhängern des Maidan offensichtlich generalstabsmäßig übermalt.

Von einer überbordenden Aggressivität zwischen Maidan und Anti-Mmaidan war jedoch nichts zu bemerken - eher im Gegenteil: Um tätliche Auseinandersetzungen zu vermeiden, koordinierten die beiden Gruppierungen bisweilen ihre Tätigkeiten. „Zwei Mal haben wir auch gemeinsam in der Stadt aufgeräumt“, erzählt Maidan-Aktivistin Soja Kasanschi. Dies sei auch in Odessa deshalb möglich gewesen, weil kluge Menschen den Maidan anführen und auch die führenden Vertreter des Anti-Maidan alles andere als dumm seien.

Mehrheitlich vermittelten die Odessiter vor den tragischen Ereignissen des 2. Mai einen politisch passiven Eindruck. Zwar war eine gewisse Zahl an ukrainischen Fahnen an Balkonen zu sehen, von einem massenhaften Phänomen konnte jedoch keine Rede sein. Die allabendlichen Minidemonstrationen für eine einheitliche Ukraine, die traditionell vor dem Duke de Richelieu-Denkmal und somit unweit der berühmten Potemkinschen Treppe stattfinden, waren zuletzt auch nur schwach besucht.

Auch die andere politische Seite zeigte nur begrenzt Flagge - mit der wichtigsten Ausnahme des Kulikowo Pole-Platzes, auf dem es am Freitag zur Tragödie kommen sollte: Auf diesem großen Platz hatte der lokale Anti-Maidan vor dem Gewerkschaftsgebäude ein kleines, nicht befestigtes Zeltlager mit einschlägigen Plakaten und Infoständen errichtet. Am 2. Mai sollte dieses Zeltlager, in dem sich zumeist bloß einige Dutzend pro-russische Aktivisten aufgehalten hatten, von radikalen pro-ukrainischen Gegnern zerstört werden. Und nahezu 40 pro-russische Aktivisten, die im Gewerkschaftsgebäude Zuflucht gesucht hatten, nach einem Brand insbesondere durch Rauchgasvergiftungen ums Leben kommen. Über die genauen Vorgänge beim Ausbruch des Feuers gibt es widersprüchliche Angaben.

Großer Zulauf am Kulikowo Pole war zuletzt nur bei Großdemonstrationen zu beobachten gewesen. So auch am 1. Mai: Kommunisten, die linksradikale Organisation „Borotba“ („Kampf“), die Vereinigung der Offiziere und selbst russisch-orthodoxe Gruppierungen waren am Tag der Arbeit von der Oper zum Kulikowo Pole gezogen und hatten hier eine Maikundgebung mit etwa 1.500 Beteiligten abgehalten. Trotz des Anlasses ging es jedoch kaum um soziale Fragen, sondern eher um den Kampf gegen die „Kiewer Junta“, um den geplanten Boykott der Präsidentenwahlen am 25. Mai, um Referenden und den Wunsch einiger Sprecher, die Sowjetunion wieder aufleben zu lassen.

Im Unterschied zu ostukrainischen Metropolen war die Stimmung weitgehend friedlich, waren die Demonstranten, die insbesondere der älteren Generation angehörten, auch alles andere als aggressiv oder gewaltbereit. Als gegen Ende der Maikundgebung eine junge maskierte Frau von der Bühne die Masse aufforderte, Richtung Regionalverwaltung zu marschieren und damit sichtlich einen Sturm dieses Verwaltungsgebäudes implizierte, stieß sie damit auf massive Ablehnung. Sie solle die Maske entfernen, wurde ihr zugerufen. Auffällig war, dass die maskierte junge Frau mit der paramilitärischen Wache des Antimaidan-Lagers bestens bekannt war. Zumeist einer dieser Wachleute vom 1. Mai, der durchaus als „grünes Männchen“ durchgehen könnte, wurde tags danach mit einem Revolver im Anschlag dokumentiert. Die Polizei hatte am Freitagnachmittag, so zeigen Video und Fotoaufnahmen, zunächst auch keine Schritte gegen diese bewaffneten Paramilitärs gesetzt.

Im Rahmen der Maikundgebung am Tag zuvor war aber auch bereits die Rede vom 2. Mai gewesen. Antimaidan-Anführer Artjom Davidschenko hatte die Masse aufgefordert, am Freitag ab 15.00 Uhr gegen jene Ultras (radikale Fußballfans, Anm.) von Metalist Charkiw und Tschernomorez Odessa zu demonstrieren. Diese würden in der Stadt einen Marsch für eine einheitliche Ukraine veranstalten. Der Angriff pro-russischer Aktivisten auf diesen Marsch der Ultras war schließlich Ausgangspunkt für Straßenschlachten im Stadtzentrum, die Stunden später zur Zerstörung des Anti-Maidan-Lagers und zum fatalen Brand im Gewerkschaftshaus führen sollte. Der Maidan, so betont Soja Kasanschi, hatte zu diesem Marsch insbesondere auswärtiger Ultras keinerlei Bezug. Diese wichtigste pro-ukrainische Gruppierung der Stadt hatte bereits im Vorfeld erklärt, während der Maifeiertage keine Großdemonstrationen veranstalten zu wollen.




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