Letztes Update am Do, 15.05.2014 06:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Wir fürchten uns vor unserem eigenen Schatten“



Wien (APA) - Um Ängste und Sicherheit in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik ging es Mittwochabend bei einer Diskussion mit hochkarätigen Experten wie dem Soziologen Bernd Marin, dem Wirtschaftspsychologen Othmar Hill und Cobra-Chef Walter Weninger in Wien. Anlass war die Präsentation des Buchs „In geheimer Mission“ der Journalistin Judith Grohmann, das Sonderpolizei-Einsätze in 16 Staaten beschreibt.

Auf dem Podium herrschte Grundkonsens, dass Sicherheit ein fundamentales Bedürfnis, aber auch Ausdruck persönlicher Wahrnehmung ist. „Das Sicherheitsbedürfnis sitzt tief“, betonte Marin. Er erinnerte an seine Zeit als Assistent des berühmten Psychiaters Friedrich Hacker, der in großen Fällen von Geiselnahmen hinzugezogen wurde. Ein globales Problem stellen laut Marin „die jungen Gesellschaften“ dar; in den meisten herrsche bei einem Überschuss an jungen Männern ohne Perspektive großes Konfliktpotenzial. Diese verfügten oft über gute Ausbildung, doch hätten sie keine Chance auf Jobs und Frauen. „Keiner braucht sie, außer für Gewalt und Terror.“

Hans Harrer vom „Senat der Wirtschaft“, einem Thinktank österreichischer Unternehmer, resümierte als einer, der den Kalten Krieg erlebt hat: „Der Umgang mit Sicherheit hat mit der jeweiligen Generation zu tun.“ In der heutigen Mediengesellschaft würden oft Ängste produziert. Bei seiner beruflichen Tätigkeit in Ländern Afrikas und Osteuropas war er mit Problemlösungen aus der Situation heraus beschäftigt. Da fürchte man sich nicht vor Überfall oder Diebstahl. Doch: „Auf den Unis züchten wir heute den Risikomanager, nicht den Chancenmanager“, merkte er kritisch an. Prof. Marin stieß ins gleiche Horn: „Ja, wir fürchten uns vor unserem eigenen Schatten.“

Für den Psychologen und Unternehmer Hill ist „Jugendarbeitslosigkeit der Sprengstoff schlechthin“. Brutalität sei oft „Ausdruck von Ohnmacht“, Zerstören verschaffe „Machtgefühl“. Er appellierte an die Verantwortungsträger, für bessere Berufsberatung zu sorgen. Hier fehle es an einem Plan: „Die Jugend wird von der Politik im Stich gelassen.“ Gegen diese schweren Sozialisationsdefizite werde kaum etwas getan, auch nicht in Österreich. In Spanien und Griechenland gehe die Jugend auf die Straße. Finnland und Kanada nannte Hill als einzige positive Beispiele.

Im Kontext der Sicherheit in der Wirtschaft warnte Harrer vor Geheimniskrämerei, die Ängste schaffe. Kritisch sprach er hier das Freihandelsabkommen mit den USA an, in das nicht einmal den EU-Abgeordneten Einsicht gewährt worden sei. „Gelebte Demokratie braucht Offenheit und Information.“ Zugleich ist konkrete Sicherheit in Unternehmen immer gefragter. Rainer Philippeit, der auf Biometrie spezialisiert ist, betonte, seine Firma wolle „nicht mit der Angst der Menschen Geschäfte machen“, sondern präventive Technologie anbieten.

Ums „Eingemachte“ in Sachen Sicherheit geht es bei den Polizei-Sondereinheiten. Generalmajor Weninger erläuterte die Tätigkeit aus der Sicht der Cobra, „weltweit die einzige Spezialeinheit, die Frauen in ihren Reihen hat“. Zu „smarten Lösungen zu kommen“, bei größtmöglicher Schonung aller Beteiligten, laute der Anspruch. Erfreulich sei, dass der EU-Rat den gesetzlichen Rahmen für grenzüberschreitende Kooperation geschaffen habe. Die Einsätze - die Cobra ist österreichweit für den operativen Personenschutz zuständig - erfordern höchste Konzentration. „Erst hinterher, bei internen Briefings, ist Platz für Emotionen.“

Um die Aktionen von Polizei-Spezialeinheiten geht es auch im Buch „In geheimer Mission“, das Grohmann als „coolste Arbeit in meinem Journalistenleben“ beschreibt. „Gerade als Frau hat man einen anderen Approach“, meinte die Autorin, der als erster Frau so viele Einblicke gewährt wurden. Konkrete Einsätze in 12 EU-Staaten sowie USA, Russland, Israel und Jordanien werden farbig geschildert. Im Österreich-Kapitel geht es etwa um einen Attentatsplan beim Opernball 2004. Ob sie länderspezifisch Unterschiede bemerkt habe? „Von der Mentalität her ja, aber nicht im Einsatz.“ Alle Einheiten, die sie hautnah erlebte, waren psychologisch bestens geschult, so Grohmann. Ihr Resümee: „Wir leben in Österreich auf einer Insel der Seligen.“ Im Vorwort dankt UN-Generalsekretär Bank Ki-moon der Autorin für ihren „Beitrag zum Kampf gegen den Terror“.

(Service: Judith Grohmann, „In geheimer Mission - Was Polizeispezialeinheiten im Kampf gegen Verbrechen und Terror erleben“; Riva-Verlag München, 230 Seiten, 19,99 Euro; 1. Auflage 2013, ISBN 978-3-86883-290-7).




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