Letztes Update am Di, 27.05.2014 07:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kneissl rechnet mit Außenpolitik und Diplomatie ohne Rückgrat ab



Wien (APA) - Mit scharfen Worten rechnet die österreichische Journalistin und Nahostkennerin Karin Kneissl mit US-amerikanischer Außenpolitik und Diplomatie ab: „Wir in den Staaten, wir spielen nicht Schach, wir spielen Baseball, also ‚Schlagen und Laufen‘.“ Ein starkes Bild. Ein brutales Zitat von einem hochrangigen US-Amerikaner im Gespräch mit Kneissl über die US-Außenpolitik, und das war seine Analyse.

Kneissl führt den Gedanken weiter: Im Iran sei das Schachspiel erfunden worden, und aus Russland stammten viele Schachmeister. Der Nahostkennerin zufolge spüre man das „auch ein wenig in der Außenpolitik“. Vergegenwärtigt man sich die aktuellen Entwicklungen in der zwischen Europäischer Union und Russland zerrissenen Ukraine, scheint das ein spannender und naheliegender Ansatz zur außenpolitischen Analyse. Putin scheint seinen Gegenspielern in diesem Konflikt oft ein paar Schachzüge voraus.

Die ehemalige Diplomatin fordert viel von der hohen Kunst der Diplomatie: Man brauche Menschenkenntnis, den Willen kritisch zu hinterfragen, große Diskretion und Rückgrat - trotz Weisungsgebundenheit. In lediglich angelerntem Wissen und kaum praktischer Erfahrung, sieht sie ein schwerwiegendes Problem für Diplomaten oder solche, die es werden wollen. In ihrem Werk zeigt sie sich nicht nur einmal erschüttert über Ignoranz, Unwissenheit und trotzdem vorhandener Arroganz vermeintlicher Nahostexperten, Forscher und hochrangigen Beratern - und teilt gehörig Ohrfeigen aus. Dabei schaut sie in Richtung USA, nach Europa und Österreich.

Bedauerlich, dass Österreich sein einstmals hohes Ansehen, dass es im Arabischen Raum zur Zeit Bruno Kreisky genoss, verwirkte. Zu schade, dass Wien das Angebot zur Friedensvermittlung zwischen dem Palästinensern und Israelis ablehnte mit Begründung auf den Vorbereitungen des Beitritts zur Europäischen Union und dem damals wütenden Jugoslawienkrieg. „So verliert man allmählich jene Reputation, die einst die österreichische Diplomatie ausgemacht hatte, nämlich Verlässlichkeit“, urteilt Kneissl. Umso weniger verwunderlich, dass Österreich seinen längsten und wohl prestigeträchtigsten UN-Friedenseinsatz auf den Golanhöhen plötzlich beendete. Nämlich als es zum ersten Mal seit Jahrzehnten aufgrund des damals seit bereits über zwei Jahren andauernden Syrien-Konflikts für die UN-Blauhelme ein wenig ungemütlicher wurde.

Die Diplomatie von heute wirke mit all ihren Pressesprechern in unserer unterhaltungsgierigen und schnelllebigen Welt oftmals wie ein Spektakel oder ein Eintagesgeschäft bei dem es nicht mehr um wahrhafte Ambitionen, einen Konflikt beizulegen, gehe. Nicht nur, dass durch dieses Tagesgeschäft Diskretion an Wert verliere - ohne die aus Sicht der sprachgewandten und im Nahen Osten aufgewachsene Kneissl der Osloer Friedensprozess niemals hätte eingeleitet werden können. Auch die hohe Kunst der Diplomatie selbst gehe daran langsam, aber sicher zugrunde. Für die Autorin bedeutet jeder Kriegsausbruch, das klägliche Versagen ebendieser.

Auch Österreich muss in diesem Gebiet einiges an Kritik einstecken. Aus eigener Erfahrung als frühere Diplomatin beanstandet sie den nicht vorhandenen Raum für kritisches Hinterfragen oder Reflektieren - etwa auf außenpolitischer Ebene. Auch im Kabinett des früheren ÖVP-Außenministers Alois Mock (1987-1995) waren skeptische Einwände ihrer Erzählung nach nicht erwünscht. Der Satz „Weisung ist Weisung“ brachte diese ausgesprochen wissbegierige und über ein freigeistiges Naturell verfügende Frau an den Rand der Verzweiflung. Sie legte ihre Demission ein - und wurde freie Journalistin.

Neben dem das gesamte Werk durchdringenden Thema Diplomatie und Außenpolitik, lehrt einen die Geschichte Kneissls vieles über den Nahen Osten: Nicht nur die Geschichte politischer Bewegungen seit den 1980ern im Libanon, in Israel, im Irak und in Jordanien werden ausführlich besprochen und aus ihrer Sicht analysiert. Gesellschaftliche Themen und Phänomene werden anhand von kleinen Geschichten aus Kneissls Leben erzählt. Das Überleben im Kriegsalltag mithilfe vom nachbarschaftlichen Miteinander schildert sie. Freigeister, die in Bergdörfern aufwuchsen und ihr Dorf nie verließen, traf sie. Demgegenüber begegnete sie international gebildeten, weit gereisten und deshalb vermeintlich Weltoffenen - die wiederum engstirnig und kleingeistig auf die Welt blickten.

Zu alldem hinzukommt, dass Kneissl als frühere Diplomatin, an Universitäten Lehrende, als Autorin und freischaffende Journalistin ein Plädoyer für Freischaffende, nicht Weisungsgebundene hält - und das gilt nicht nur für Journalisten, aber auch. Scharfe Kritik übt sie an der Medienwelt, die gut und langwierig recherchierte Geschichten für freischaffende Journalistin mager entlohnt. Krisen- und Kriegsreporten mangle es zwar nicht an Abnehmern, aber deren Risiko dafür Kopf und Kragen zu riskieren, wirke sich wieder kaum auf die Finanzen der oftmals jungen Schreiberlinge aus.

(S E R V I C E: „Mein Naher Osten“, Karin Kneissl, Braumüller Verlag, Wien 2014, ISBN: 9783-91100-112-6, 21,90 Euro)




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