Letztes Update am Di, 27.05.2014 14:57

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Grande Dame des Chansons: Gisela May wird 90



Berlin (APA/dpa) - Als ausdrucksstarke Interpretin von Brecht-Weill-Chansons wurde Gisela May berühmt. Am Samstag (31. Mai) feiert sie ihren 90. Geburtstag, den sie - abseits allen Rummels - im privaten Kreis verbringen will. Am 10. Juni aber erwartet das Berliner Kino Babylon-Mitte sie als Gast zur Geburtstagsfeier. Junge Künstler möchten May mit Liedern, Lesungen und Filmdokumenten zu ihrer Karriere ehren.

Soloabende, die in erster Linie durch Werke von Bertolt Brecht, Kurt Weill und Hanns Eisler geprägt wurden, bescherten Gisela May über Jahrzehnten Triumphe von der New Yorker Carnegie Hall bis zur Mailänder Scala. Wo sie auftrat, wurde sie mit Ovationen überschüttet. Im Laufe der Jahre hat sie zahlreiche Auszeichnungen bekommen - etwa den Nationalpreis der DDR, das Filmband in Gold der Bundesrepublik Deutschland und das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Aber nicht allein als Sängerin, auch als Schauspielerin errang Gisela May beachtliche Erfolge. Ihre wichtigste Bühnenrolle war Brechts „Mutter Courage“. Sie spielte die Figur von 1978 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berliner Ensemble 1992. Noch heute gilt sie neben Helene Weigel und Therese Giehse als berühmteste Interpretin der Marketenderin, die im 30-jährigen Krieg fürs nackte Überleben alle Menschlichkeit fahren lässt.

Anders als die Mehrzahl deutscher Schauspielerinnen zog Gisela May nie eine enge Grenze zwischen ernstem und unterhaltsamem Theater. Neben klassischen Schauspielrollen übernahm sie oft auch Aufgaben im Dienst der sogenannten leichten Muse. Beispielsweise brillierte sie in den 1970er-Jahren im (Ost-)Berliner Metropoltheater, dem heutigen Admiralspalast, als Hauptdarstellerin im Musical „Hello, Dolly!“.

Die Lust an Sprache und Musik wurde der 1924 in Wetzlar geborenen Künstlerin schon in die Wiege gelegt. Ihre Mutter Käte war Schauspielerin, Vater Ferdinand May Schriftsteller. Von 1942 bis 1944 besuchte sie die Schauspielschule in Leipzig. Danach hatte sie Engagements an verschiedenen Theatern. 1951 kam sie ans Deutsche Theater Berlin. 1962 wechselte sie zum Berliner Ensemble, dem sie dreißig Jahre angehörte.

Eine Arbeit mit und unter Bertolt Brecht, dem sie in ihrer Zeit am Deutschen Theater Berlin mehrfach persönlich begegnete, ergab sich nicht. Gern erzählte Gisela May, dass sie ihm Anfang der 1950er Jahre einmal zufällig begegnet sei und an seinem Blick gesehen habe, dass sie „bei ihm nichts gewinnen konnte“. Schmunzelnd fügt sie stets hinzu: „Der Brecht stand ja mehr, nun ja, ich will nicht sagen, auf bäuerliche Frauen, aber doch auf kräftigere, auf Frauen, die sich nicht geschminkt haben. Und ich habe mich immer schön gemacht.“

Erst 1962, Jahre nach Brechts Tod, wechselte sie in das damals von seiner Witwe Helene Weigel geleitete Berliner Ensemble. Ihre oft spröde Interpretation komplizierter Charaktere, stets fern jeglicher Sentimentalität, ließ sie zu einer der wichtigen Schauspielerinnen des Hauses werden. Zu der Zeit als Chanson-Interpretin bereits international gefeiert, sorgte sie bei Auslandsgastspielen des Ensembles zudem für ein gesteigertes Interesse an dem dank Brecht und Weigel berühmten Vorzeigetheater der DDR.

Begonnen hatte Gisela Mays musikalische Laufbahn bereits 1957. Der Komponist Hanns Eisler erkannte ihr besonderes Talent für das Chanson. In intensiver Zusammenarbeit schulte er die Möglichkeiten ihrer Stimme, lehrte sie, Empfinden und Eleganz wirkungsvoll miteinander zu verbinden. Darauf aufbauend erarbeitete sich „die May“, wie sie nun seit mehr als fünfzig Jahren genannt wird, eigene Abende und tourte damit durch die ganze Welt.

Zu Zeiten, da der DDR weithin die politische Anerkennung versagt blieb, wurde Gisela May in ihrem Heimatland die „Botschafterin des Chansons“ genannt. Im Westen machte eher der Begriff der „sozialistischen Nachtigall“ die Runde. Gisela May mag sich zu Mauerzeiten staatskonform verhalten haben, angebiedert aber hat sie sich nicht. So hielt sie etwa fest zu ihrem langjährigen Lebenspartner, dem von den Regierenden ins Abseits abgeschobenen systemkritischen Philosophen Wolfgang Harich.

Schon in den 1950er- und 60er-Jahren war Gisela May gelegentlich in Kinofilmen der DEFA und in Filmen des Fernsehens der DDR aufgetreten. Nachhaltigen Erfolg als Schauspielerin vor der Kamera verbuchte sie jedoch erst nach der Wende. Populär wurde sie an der Seite von Evelyn Hamann in der von 1993 bis zum Tode Hamanns 2007 laufenden Serie „Adelheid und ihre Mörder“. Kultcharakter erreichte ein Dauerdialog zwischen Tochter Adelheid (Hamann) und deren Mutter (May): „Sag doch nicht immer Muddi zu mir!“ - „Ist recht, Muddi.“

Mit dem hohen Alter bekommt der Titel ihrer 2002 erschienenen Memoiren eine besondere Bedeutung: „Es wechseln die Zeiten“. Neue Konzerte plant Gisela May nicht mehr, als Sängerin hat sie sich weitgehend zurückgezogen. Doch: Überraschung nicht ausgeschlossen. Jüngst gestand sie im MDR-Fernsehen mit selbstironischem Augenzwinkern: „Ich spiele auch im Leben dauernd Theater. Es ist sehr schwierig, das zu lassen.“




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