Letztes Update am Mi, 28.05.2014 05:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ukraine-Krise - Der tschetschenische Faktor im Donbass



Kiew (APA) - Die pro-russischen Separatisten in der Ostukraine werden auch von Kämpfern aus der russischen Kaukasusregion Tschetschenien unterstützt. Nachdem ihr Engagement zunächst bestritten worden war, gaben die Freischärler am Wochenende zu, „Kadyrowzy“ (Milizen des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow) zu sein.

Viele dieser Kämpfer, von denen Dutzende nur wenige Stunden später bei Kämpfen um den Donezker Flughafen fallen sollten, erinnerten äußerlich an Bewohner der Kaukaususregion und keinesfalls an Einheimische.

Eine praktisch amtliche Bestätigung der vermuteten Herkunft dieser Kämpfer folgte am Dienstag: Donezks Bürgermeister Oleksandr (Aleksandr) Lukjantschenko erklärte, dass in Folge von Kampfhandlungen auch Einwohner von Grosny und Gudermes in Krankenhäuser eingeliefert worden seien. Beide Städte liegen in der russischen Teilrepublik Tschetschenien.

Während über die tatsächliche Anzahl von „Kadyrowzy“ und ihre derzeitige militärische Relevanz in der Ostukraine lediglich spekuliert werden kann, kündet diese nachgewiesene Präsenz zumindest einiger Kämpfer von einem anwachsenden russischen Kontingent in der Region. Dies lässt darauf schließen, dass der russische Staat und sein mächtiger Sicherheitsapparat bisher nur wenig unternimmt, ein kriegerisches Engagement eigener Staatsbürger im Nachbarland zu verhindern. Freilich gibt es bisher auch keine Belege, dass der Kreml die Freischärler aktiv unterstützt.

Ohne jeden Zweifel spielt jedoch Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow eine sichtbare und wichtige Rolle in der andauernden Konfrontation zwischen der Russland und der Ukraine. Noch vor der russischen Annexion der Krim hatte Kadyrow etwa erklärt, mit einem „Zug der Freundschaft“ auf die Halbinsel kommen zu wollen, um die dortige russische Bevölkerung zu unterstützen. Während einer militärischen Zuspitzung in Slowjansk (Slawjansk) Anfang Mai hatte der Politiker erklärt, jederzeit für einen möglichen Befehl des russischen Präsidenten zum Einmarsch in die Ukraine bereit zu sein.

Aber auch Kadyrows politische Gegner, die vor seinem Regime in den Westen geflohen sind, erklären ihre Bereitschaft: Eine tschetschenische Gruppierung namens „Freier Kaukasus“, die derzeit am Kiewer Maidan mit einem prominent platzierten Plakat vertreten ist, hatte bereits Anfang März von 500 Freiwilligen berichtet, die für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine kämpfen könnten. Und am Montag gratulierte der im großbritannischen Exil lebende Politiker Achmed Sakajew im Namen des tschetschenischen Volkes Petro (Pjotr) Poroschenko zur Wahl zum ukrainischen Präsidenten.

Abgesehen vom Engagement tschetschenischer Politiker und Kämpfer dürften aber insbesondere auch Kriegserfahrungen in Tschetschenien selbst von großer Bedeutung sein. Der Moskauer Igor Girkin alias Igor Strelkow, der nunmehr als „Verteidigungsminister“ der „Donezker Volksrepublik“ in Slowjansk kämpft, war eigenen Angaben zufolge im Ersten und im Zweiten Tschetschenienkrieg tätig. Während des ersten Kriegs freundete er sich - so ein Gesprächspartner der APA aus Girkins damaligem Umfeld - mit dem Publizisten und Politikberater Alekandr Borodaj an. Letzterer amtiert jetzt als „Premierminister“ der selbstproklamierten „Donezker Volksrepublik“.

Im zweiten Tschetschenien-Krieg (1999-2009) war Girkin, so der Vorwurf russischer Menschenrechtsaktivisten, nicht nur in Entführungen von Zivilisten involviert: Seine damalige Einheit des russischen Geheimdienstes FSB war auf die Bekämpfung tschetschenischer Partisanen spezialisiert. Gerade diese jahrelange praktische Erfahrung könnte dem jetzigen Freischärlerführer im Kampf gegen die ukrainischen Sicherheitskräfte äußerst hilfreich sein.




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