Letztes Update am Mo, 02.06.2014 08:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tiananmen-Massaker: „Tank man“ -Die Ikone der Proteste



Peking (APA/AFP) - Niemand kennt ihn und sein Schicksal, dennoch ist er weltberühmt: Auch 25 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung in Peking und anderen Teilen Chinas gilt der einsame Mann („Tank man“), der sich den Panzern entgegenstellt, als Ikone des friedlichen Proteste und zivilen Ungehorsams. Fotos von dem jungen Rebellen gingen um die Welt - nur im eigenen Land kennt sie kaum jemand.

Es ist kurz vor Mittag am 5. Juni 1989. In der Nacht zum 4. Juni war die Armee mit Panzern auf den Tiananmen-Platz vorgerückt und hatte die seit sechs Wochen andauernden Proteste pro-demokratischer Studenten blutig niedergeschlagen; Hunderte, womöglich Tausende wurden getötet. Als eine Panzer-Kompanie erneut die jetzt menschenleere Straße zum Platz des Himmlischen Friedens herunterfährt, stellt sich ein Mann in weißem Hemd und schwarzer Hose, ein Plastiksackerl in jeder Hand, dem Führungsfahrzeug todesmutig entgegen.

Mehrfach versucht der erste Panzer, um den einsamen Rebellen herumzufahren, jedes Mal stellt dieser sich ihm erneut in den Weg, völlig ruhig, nur seine Arme mit den Plastiksäcken rudern, als wollten sie den Panzer wegscheuchen. Er steigt auf den Panzer, versucht, mit der Besatzung zu sprechen, springt wieder ab, stellt sich erneut dem rasch anfahrenden Panzer wieder entgegen. Schließlich wird er von zwei Männern weggezogen - ob es besorgte Passanten waren oder Sicherheitsagenten, ist unklar.

„Ich hatte stets das Gefühl, als wollte er sagen: ‚Ich lasse Euch hier nicht vorbei, haut ab; wir sind bereit zu sterben‘“, sagt der Pekinger Dissident Hu Jia. „Seine Tat symbolisierte den Geist der jungen Menschen damals.“ Die friedliche Konfrontation des jungen Unbekannten mit den eisernen Ungetümen dauerte nur wenige Minuten - doch der Mut des „Panzer-Mannes“ bescherte ihm einen Platz in der Geschichte.

Bis heute weiß niemand, wer er ist und was aus ihm geworden ist. Sein angeblicher Name Wang Weilin lässt sich nicht bestätigen. Ebenso anonym bleibt der Panzerfahrer, der sich weigerte, das ungleiche Duell brutal zu beenden. Die Behörden hüllen sich in Schweigen.

Als die US-Starmoderatorin Barbara Walters 1990 den damaligen KP-Chef Jiang Zemin mit einem Foto des legendären Moments konfrontiert und nach dem Schicksal des Mannes fragt, gerät dieser sichtlich außer Fassung: Er glaube nicht, dass er getötet worden sei, sagt Jiang knapp. Einige denken, „Panzer-Mann“ wurde hingerichtet, andere hoffen, er konnte untertauchen.

Es gibt Videos und mehrere Fotos von dem symbolischen Augenblick, doch zur Ikone wurde er durch die Aufnahme des AP-Fotografen Jeff Widener, die dieser vom Balkon seines Hotelzimmers aus schoss. Zeitungen weltweit brachten das Foto auf ihren Titelseiten, bis heute wird es von Menschenrechtlern kopiert, aber auch für Werbe- und Satirezwecke parodiert.

Nur in China ist das Bild weitgehend unbekannt. Seit Jahren versucht die chinesische Führung, die Erinnerung an die damaligen Ereignisse auszulöschen, und die Zensur unterdrückt jede Anspielung an den Mann: Als im vergangenen Jahr eine Satire-Version mit dicken gelben Gummienten anstelle der Panzer im Internet für Furore sorgte, lief die Suche danach rasch ins Leere.

Fotograf Widener hat inzwischen ein gespaltenes Verhältnis zu „seinem“ Foto. Manchmal aber denke er noch an den „Panzer-Mann“ und frage sich, was aus ihm geworden sei, sagt der inzwischen 57-Jährige der Nachrichtenagentur AFP. „Vielleicht ist es besser, dass wir nichts über ihn wissen“, sagt er dann. „Es ist ein wenig wie beim ‚Unbekannten Soldaten‘ - er wird uns für immer an die Bedeutung von Freiheit und Demokratie und unser Recht auf Würde erinnern“.

(Feiertagswiederholung)




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