Letztes Update am Di, 24.06.2014 12:30

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1914/2014: Das Attentat von Sarajevo als Gerichtsdrama



Belgrad (APA) - Das Attentat von Sarajevo, bei dem am 28. Juni 1914 der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie ermordet wurden, soll nun aus einer anderen Sicht beleuchtet werden - jener eines Anwaltes. Dafür will der in Sarajevo geborene serbische Regisseur Srdjan Koljevic sorgen.

Kurz vor dem 100. Jahrestag des Attentats haben in Belgrad die Dreharbeiten zum Streifen „Ich habe ‚Junges Bosnien‘ verteidigt“ begonnen. Der 48-jährige Regisseur, der auch im deutschen Sprachraum durch „Red Coloured Grey Truck“ und „Die Frau mit der gebrochenen Nase“ bekannt wurde, befasst sich nicht mit den Attentätern, den Mitgliedern der nationalistischen Studentenorganisation „Mlada Bosna“ (Junges Bosnien). Sein Augenmerk gilt ihrem Chefverteidiger in dem im Oktober 1914 in Sarajevo geführten Gerichtsprozess.

Der damals noch junge Anwalt Rudolf Zistler (1986-1960) war im Prozess wegen Hochverrates und Meuchelmordes gegen 25 Angeklagte, darunter den Attentäter Gavrilo Princip, eigentlich als Pflichtverteidiger bestellt worden. Er stützte seine Verteidigung auf die These, dass die 1908 von Österreich-Ungarn durchgeführte Annexion Bosniens nicht legal sei, da sie nicht auch vom ungarischen Parlament bestätigt worden sei.

Zistler zufolge war Bosnien seit 1978 zwar von Österreich-Ungarn besetzt, oblag aber weiterhin der türkischen Souveränität. Demnach könnte man die Attentäter zwar des Mordes, allerdings nicht auch des Mordes am Thronfolger beschuldigen, da dieser in Bosnien keinen besonderen Schutz genießen würde.

Der Prozess wurde mit Todesstrafen für fünf Angeklagte und langen Gefängnisstrafen für alle anderen, darunter den 20-jährigen Attentäter Princip, der laut dem damaligen Gesetz noch minderjährig war, abgeschlossen.

Die Verteidigung Zistlers, des Sohns einer Kroatin und eines Österreichers, löste heftige Proteste in Sarajevo aus. Er musste die Stadt binnen 24 Stunden verlassen. Seine Anwaltstätigkeit setzte Zistler in Vukovar und Pakrac fort. Sein einziges Werk, in welchem er sich mit dem Sarajevo-Prozess befasste, stammte aus dem Jahre 1937. Für Medien war der Anwalt nie zu haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er erneut in Sarajevo.

Die Geschichte über Rudolf Zistler hat laut Koljevic nicht nur wegen des Jahrestages auch eine aktuelle Bedeutung. Sie spreche von moralischer Integrität und individuellem Mut, so der Regisseur.




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