Letztes Update am Do, 26.06.2014 12:01

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Doppelte Verjüngungskur: „Nachkommen.“ von Marlene Streeruwitz



Wien (APA) - Eine Abrechnung. Ein Schlüsselroman. Eine Literaturbetriebssatire. Ein Wutausbruch. Ein pointiert beschriebener Generationenkonflikt. Viel wird über den heute erscheinenden Roman „Nachkommen.“ von Marlene Streeruwitz geschrieben werden. Eines ist er aber sicher: ein Coup. Denn im Herbst lässt sie jenes Buch folgen, mit dem es ihre Protagonistin Nelia Fehn auf die Buchpreis-Shortlist geschafft hat.

2011 hatte es die österreichische Autorin, die am Samstag (28. Juni) ihren 64. Geburtstag feiert, mit ihrem bisher letzten Roman „Die Schmerzmacherin.“ auf eben diese Shortlist geschafft. Dass viel von ihrer damaligen Erfahrung eingeflossen ist, darf angenommen werden, und so manche zickige Kollegin, so mancher übergriffiger Verleger und andere grumpy old men des Literaturbetriebs könnten sich wiedererkennen. Denn nach einem kurzen Auftakt in einer Leichenhalle, bei der familiären Totenvisite am Sarg des verstorbenen Großvaters, sitzt die 20-jährige Cornelia bereits kaum drei Dutzend Seiten später im Flieger nach Frankfurt, wo die restlichen 400 Seiten des Romans spielen.

In Frankfurt wird die attraktive Jungautorin, die es mit ihrem Erstlingswerk „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland.“ in die Endauswahl für den deutschen Buchpreis geschafft hat, als Attraktion herumgereicht. Schon ihre früh verstorbene Mutter, die auf der Buchmesse von nahezu jedem Gesprächspartner unweigerlich erwähnt wird, war eine erfolgreiche Autorin. Und nun hat die Tochter einen politischen Roman geschrieben. „Eine junge Frau reist auf Umwegen und mit vielen Abenteuern nach Athen. Sie ist auf der Suche nach ihrem Geliebten. Auf dieser Reise trifft sie zum einen auf ein Griechenland, das durch die Krise geprägt ist. Zum anderen muss die junge Frau aus der Trauer um ihre verstorbene Mutter heraustreten, um die Liebesgeschichte mit ihrem Geliebten beginnen zu können“, fasst eine 3sat-Journalistin in Nelias allererstem Fernsehinterview den Romaninhalt zusammen.

Das Buch scheint weitgehend autobiografisch. Nelias griechischer Freund Marios hat bei Demonstrationen gegen die EU-Troika im krisengeschüttelten Griechenland zwei Trümmerbrüche an den Fußgelenken davongetragen. Mit dem Buchpreis-Geld ließen sich die notwendigen Operationen wenigstens leichter finanzieren. Der Clou: Das in Streeruwitz‘ Roman so gefeierte Buch von Nelia Fehn wird im Herbst wirklich erscheinen. „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland.“ ist vom S. Fischer Verlag bereits angekündigt. Autorin: „Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn“.

„Eigentlich wollte Cornelia nur einen Ferienjob im Ökoresort ihrer Schwester auf Kreta, doch dann wurde sie mit den Auswirkungen der Eurokrise konfrontiert“, kündigt der echte Verlag das echte Buch an, das „ein wütendes Plädoyer gegen die Diktatur des Geldes und das Bekenntnis einer mutigen Gerechtigkeitsfanatikerin“ darstelle. Auf der Suche nach ihrem Geliebten „erlebt sie eine Welt, in der die Krise regiert und Zwangsverhältnisse herstellt. Als sie Marios verletzt und ohne Hoffnung endlich findet, bricht sich ihre Wut Bahn, und sie entschließt sich zum Kampf.“

Auch Marlene Streeruwitz ist eine Kämpferin. Dass sie die vorgefundenen Verhältnisse und Machtstrukturen in der Gesellschaft nicht akzeptiert, ist der gemeinsame Nenner ihrer literarischen und publizistischen Texte. „Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab. Ich lehne jede Verantwortung ab, für alle diese Erbschaften, mit denen ich belastet werde“, lässt sie die Jungautorin in ihrem TV-Interview sagen. Aber auch: „Ich würde krank werden, wenn ich das alles einfach so hinnehmen müsste. Aber ich bin sehr jung. Ich muss das alles erst erleben.“

Genau das ist mitunter das Problem dieser Rollenprosa, in die Streeruwitz in der Konfrontation mit Fehns in Frankfurt lebendem, erstmals den Kontakt zu Nelia suchenden Erzeuger, auch einen handfesten Vater-Tochter-Konflikt einbaut: Die Protagonistin reflektiert ihre eigentlich völlig neuen Erfahrungen ziemlich abgeklärt. Die Verblüffung darüber, wie dieser konservative, männlich dominierte Betrieb funktioniert, wirkt nicht immer glaubwürdig, die junge Frau, die doch erst kürzlich maturiert hat, präsentiert sich erstaunlich welterfahren.

Es wird interessant zu verfolgen sein, wie die Verjüngungskur, die sich Streeruwitz schreibend verpasst hat, weiter anschlagen wird. Wie authentisch jene Töne klingen werden, mit der sie in ihrer Rolle als Jungautorin ihre Wut von Buchbranche auf Europapolitik und Wirtschaftskrise weiten wird. Wie anders sich Streeruwitz, die mit „Nachkommen.“ am 10. Juli das O-Töne Literaturfestival eröffnet, bei Lesungen als Nelia Fehn präsentieren wird.

„Voraussichtlich ab dem 25. September“ soll Fehns Debütroman im Buchhandel erhältlich sein. Für den Buchpreis 2014 wäre das laut Ausschreibungsbedingungen um 14 Tage zu spät. Aber möglicherweise hat sie ihrem Verlag die Einreichung des Buches ohnedies untersagt. Um sich etwa Interviewfragen zu ersparen, die Nelia gestellt werden: „Es ist doch schwierig, etwas abzulehnen, wie Sie sagen, und doch mitzumachen?“

(S E R V I C E - Marlene Streeruwitz: „Nachkommen.“, S. Fischer Verlag, 432 S., 20,60 Euro; Lesungen am 1.7., 20 Uhr, im Literaturhaus Graz, und am 10.7., 20 Uhr, zur Eröffnung der O-Töne im Haupthof des Wiener Museumsquartiers, http://www.marlenestreeruwitz.at)




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