Letztes Update am Do, 10.07.2014 13:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Irak-Konflikt - Deutscher Experte: Welt lässt dem Chaos „freien Lauf“



Wien/Berlin/Bagdad (APA) - Ein Ende des Vormarsches der radikal-sunnitischen, extremistischen Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) im Irak ist für den deutschen Politologen Hajo Funke derzeit nicht in Sicht. Im Gespräch mit der APA sagte er, dass „die internationale Staatengemeinschaft der Chaotisierung des Konfliktes freien Lauf lässt“ und warf der UNO sowie der irakischen Regierung „fahrlässiges Verhalten“ vor.

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Funke sieht neben den Konfliktparteien auch die internationale Staatengemeinschaft unter Handlungsdruck. „Wenn es zu keinem Umdenken kommt, steht die Schlacht um Bagdad bevor“, prognostizierte der an der Freien Universität Berlin lehrende Politologe. Dabei würden sunnitische und schiitische Kämpfer aufeinandertreffen.

Die irakischen Sunniten kooperierten mit der IS, allerdings handle es sich dabei um ein Zweckbündnis, das aufgrund „des Versagens der Regierung in Bagdad“ entstanden sei, erklärte Funke. Die jihadistische IS hat vor knapp zwei Wochen die Gründung eines „Kalifats“ bekannt gegeben. Zeitgleich benannte sie sich von „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ (ISIS/ISIL) zu „Islamischer Staat“ (IS) um.

Das von der IS ausgerufene Kalifat finde innerhalb der Gesellschaft keine Anerkennung, da die Gruppe „zu extremistisch, grauenvoll sowie terroristisch vorgeht und die Menschen entzweit“, erklärte der Politologe. Die destruktiven Kräfte dominierten nur deshalb derzeit die Ereignisse im Irak, da ihnen keiner entschlossen entgegentrete. Diese Entwicklung zeige „ein großes Vakuum innerhalb der internationalen Staatenwelt“ auf, sagte Funke und sprach sich für ein Eingreifen der Vereinten Nationen in den Konflikt aus.

Um den Irak-Konflikt zu lösen, müssten „unbedingt gemeinsame Wege der Akteure unter der Aufsicht der UNO in der Krisenbewältigung gefunden werden“, betonte Funke. Die kritische Situation im Zwischenstromland sei auch auf die „unversöhnlichen Positionen zwischen bestimmten Staaten zurückzuführen“, sagte er in Anspielung auf Saudi-Arabien und den Iran.

Die Kurden als weltweit größtes Volk ohne eigenen Staat sehen im Konflikt die Chance, ihre Unabhängigkeitsbestrebungen in die Tat umzusetzen. Eine mögliche Unabhängigkeitserklärung der kurdischen Autonomie-Gebiete würde aber die „Eskalationskräfte, die die Auseinandersetzungen schüren, in der Region stärken“, warnt Funke.

Der Krieg könnte dann auch auf die bisher friedlichen Kurdengebiete übergreifen. Die Türkei, die sich seit Jahrzehnten mit der kurdischen Bevölkerung im eigenen Land im Konflikt befindet, könnte sich laut dem Politologen womöglich mit einem unabhängigen kurdischen Gebiet anfreunden. Manche Staaten, wie etwa Syrien und der Iran, würden die Abspaltung jedoch keinesfalls hinnehmen. Deshalb würde eine Unabhängigkeit der kurdischen Gebiete den Konflikt verschärfen.

Von den Kämpfen und der Krise im Irak seien alle Einwohner gleichermaßen betroffen. „Sicher darf sich keine der irakischen Volksgruppen im Land fühlen“, erklärte Funke, denn „derzeitige Rückzugsgebiete könnten sich schnell in Krisengebiete verwandeln“.

Die abwartende Haltung der irakischen Regierung und anderer internationaler Akteure wie den USA bezeichnete der Politologe als „hochriskant und unverantwortlich“. Die Grenzen im Gebiet des Irak und Syrien seien im Zuge dieses Konfliktes „längst zerfallen“. Die Trennlinien zwischen den Volksgruppen bestünden schon, in beiden Ländern kam es bereits zu „ethnischen und kulturellen Säuberungen“.




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