Letztes Update am Do, 17.07.2014 11:54

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Forscher entschlüsselten Wirkung von Contergan



Basel (APA/sda) - Thalidomid wurde unter dem Markennamen Contergan berüchtigt: Tausende Kinder kamen in den 1960er Jahren wegen des Beruhigungsmittels mit Fehlbildungen zur Welt. Später erfuhr der Wirkstoff eine Renaissance im Kampf gegen Krebs. Nun konnten Baseler und US-Forscher seine Wirkungsweise aufklären.

Ab 1957 wurde das Contergan gegen Schwangerschaftsübelkeit eingesetzt. Anfang der 1960er Jahre stellte sich heraus, dass es bei Neugeborenen zu Schädigungen geführt hatte und wurde vom Markt genommen. In Österreich gab es wegen restriktiver Rezeptpflichtregeln nur relativ wenige Fälle. Ähnlich war das in der Schweiz.

Doch dann zeigte sich Ende der 1990er-Jahre, dass Thalidomid und abgewandelte Formen davon gegen einige Blutkrebsarten und Hautentzündungen bei Lepra wirken. Unter strengen Sicherheitsauflagen sind solche Wirkstoffe jetzt vor allem in der Hämatologie gegen Blutkrebs wieder im Einsatz.

Das Team um Nicolas Thomä vom Friedrich Miescher Institut (FMI) in Basel hat nun mit aufwendigen Kristall-Strukturanalysen sowohl die positiven wie auch die negativen Wirkungen von Thalidomid aufgeklärt. Es zeigte sich, dass es mit einem Eiweißkomplex interagiert, der zur Abbaumaschinerie der Zelle für Proteine gehört, wie die Forscher im Fachjournal „Nature“ berichten.

Je nach Konfiguration aktiviert oder hemmt Thalidomid diesen Eiweißkomplex. Für die Behandlung von Blutkrebs ist ausschlaggebend, dass durch Thalidomid zwei Proteine namens Ikaros und Aiolos verstärkt für den Abbau markiert werden.

In einer anderen Konfiguration verhindert Thalidomid jedoch, dass ein bestimmtes Molekül an den Eiweißkomplex binden kann. Dieses bisher unbekannte Protein namens MEIS2 spielt eine wichtige Rolle bei Vorgängen der Embryonalentwicklung. Darin liegt vermutlich die Ursache der Fehlbildungen. Negativ wirkte sich in den 1950er-Jahren bei der Entwicklung des Wirkstoffes aber auch aus, dass es damals noch nicht so umfassende präklinische Studien mit Substanzen (geeignete Tiermodelle) gab bzw. verwendet wurden. Dadurch hätte eventuell die keimschädigende Wirkung von „Contergan“ noch vor Zulassung des Medikamentes entdeckt werden können.

Die Forscher hoffen nun, „in der Zukunft in der Lage zu sein, gezielt Verbindungen herzustellen, welche die positiven Effekte von Thalidomid verstärken und die negativen zu minimieren“, erklärte Thomä in einer Mitteilung des FMI vom Donnerstag.




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