Letztes Update am Fr, 01.08.2014 13:39

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nahost-Konflikt: Israel-Kritik und Antisemitismus nehmen in Europa zu



Berlin/Gaza (APA) - Antisemitische Ressentiments sind in Deutschland und Europa immer dann abrufbar, wenn der Konflikt im Nahen Osten eskaliere, sind sich deutsche Experten einig. Diesmal sei das Ausmaß aber erschreckend. Große Gefahr drohe von „Kämpfern“ aus Syrien, die nach Deutschland zurückkehren und bei vielen muslimischen Jugendlichen den Status von Rollenvorbildern genießen.

Für Fabian Weissbarth vom American Jewish Committee (AJC) sind die Proteste auf Europas Straßen weder neu noch überraschend, allerdings werde die Grenze zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus immer öfter überschritten. Auch habe sich die deutsche Regierung zu lang Zeit gelassen, die jüngsten Auswüchse zu verurteilen. Laut Berliner AJC-Büro handle es sich aber nicht um ein deutsches Problem. Im Vergleich zu den Erkenntnissen der AJC-Büros in Paris und Brüssel erscheinen die Ausfälle in Deutschland sogar noch relativ schwach, sagte der Vertreter des American Jewish Committee.

Weissbarth zufolge sei in Deutschland, je nach Messmethoden, ein Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung aller Schichten der Ansicht, was Israel derzeit im Gazastreifen mache, sei mit den Nazis zu vergleichen.

Auch für Malte Holler von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KigA), die sich pädagogisch mit dem Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft befasst, ist die Debatte nicht neu, er spricht von immer wiederkehrenden Wellen, je nach Eskalation des Konflikts im Nahen Osten. Antisemitische Ressentiments seien entsprechend abrufbar und aktivierbar. Die Vehemenz werde indes stärker und zunehmend erschreckend.

Der Palästinenser Chadi Bahouth, Politologe und Publizist, ist Vorstandsmitglied eines der zahlreichen Vereine von Israelis und Palästinensern in Berlin, die sich für friedliche Koexistenz einsetzen. Er kritisiert die Einseitigkeit: Nicht nur die israel- oder judenfeindliche Parolen in Deutschland sollten thematisiert werden, sondern auch die rassistischen Parolen von Israelis gegen Araber und Palästinenser.

Diese Ausfälle habe die Regierung noch nie aufgegriffen. Die einseitige Nicht-Distanzierung werde registriert und fördere die Wut vieler Muslime in Berlin nicht nur auf Israel, sondern auch auf Deutschland, das mit zweierlei Maß messe. Diese und viele andere Fragen führten am Freitag in Berlin unter den Experten sogar im Gespräch mit ausländischen Korrespondenten zu teils heftigen Wortgefechten.

Ein wachsendes und immer gefährlicheres Problem stellen offenbar die Rückkehrer von „Kämpfern“ aus Syrien nach Europa dar. Besonders die Balkanländer seien als Rückzugsgebiet gefragt, und da ganz besonders Bosnien. Allein aus Deutschland seien zur Zeit 320 Kämpfer in Syrien aktiv. Sie werden zurückkehren und gelten schon jetzt bei Jugendlichen aus Migrantenfamilien als Rollenvorbilder.




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