Letztes Update am Fr, 08.08.2014 10:43

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Experten 2 - Lehrer mit inklusiver Kompetenz als Erfolgskriterium



Wien (APA) - Das Erfolgskriterium für die Umstellung auf ein inklusives Schulsystem, bei dem Schüler mit speziellen Bedürfnissen nicht mehr separat unterrichtet werden, sind aus Sicht der Experten Lehrer mit entsprechender Kompetenz in inklusiver Pädagogik. Diese sind allerdings laut Bildungswissenschafter Stefan Hopmann derzeit rar.

Mit der neuen Lehrerausbildung müsse zwar ein Viertel der Lehrveranstaltungen im Bachelorstudium Inklusive Pädagogik behandeln. Allerdings finde das zu drei Viertel in riesigen Vorlesungen statt. Für Übungen, Seminare und Praxisfälle in diesem Feld gebe es nämlich nicht einmal ausreichend qualifiziertes Personal an den Unis. Mit Gottfried Biewer an der Uni Wien habe man derzeit in Österreich nur eine einzige Professur auf diesem Spezialgebiet, es fehle einfach die Infrastruktur zur umfassenden Vermittlung inklusiver Pädagogik. Dazu komme, dass es noch gar keine Fachdidaktik für den Bereich Sonderpädagogik gebe. Die Ankündigung des Bildungsministeriums, dass die Lehrer durch die neue Ausbildung mehr Kompetenz für inklusive Pädagogik haben werden als die derzeitigen, an den Pädagogischen Hochschulen (PH) ausgebildeten Sonderschullehrer, seien deshalb „hohle Versprechungen“.

Biewer betont, dass es zusätzlich zu all jenen Lehrern, die im Rahmen des Bachelor künftig ein gewisses Basiswissen zu Inklusionspädagogik erhalten sollen, auch noch Pädagogen mit spezieller Expertise brauchen werde. Die Uni Wien verhandle deshalb derzeit mit der PH Wien, um künftigen Lehrern in der Ausbildung anstelle eines zweiten Fachs eine Spezialisierung in Inklusionspädagogik anbieten zu können. Diese Experten könnten dann an den jeweiligen Schulen die Fachleute für die Organisation der Inklusion sein. Die Umsetzung dieser Pläne sei allerdings auch eine finanzielle Frage: Derzeit hätten die Unis zwar eine Verpflichtung, inklusive Pädagogik zu lehren, es gebe aber trotz knapper Budget keine finanzielle Unterstützung. „Es muss für die Unis ein Anreiz gesetzt werden, da etwas zu machen.“

Derzeit liegt Österreich bei der Inklusion im internationalen Mittelfeld. Im Schuljahr 2013/14 waren 61 Prozent der Schüler, denen wegen körperlicher oder psychischer Einschränkungen Sonderpädagogischer Förderbedarf (SPF) attestiert wurde, in einer Klasse mit Schülern ohne Beeinträchtigung. Mit der Umstellung auf inklusive Schulen wäre aus Biewers Sicht auch die Zuteilung eines SPF obsolet. Dann gehe es nämlich nicht mehr darum, einzelne Kinder mit einem Etikett zu versehen, das den betreffenden Schulen zusätzliche Ressourcen bringt. Stattdessen müsse die Schule in die Lage versetzt werden, alle Kinder mit ihren unterschiedlichen Entwicklungslagen im Regelschulwesen entsprechend zu fördern. Als Beispiel nennt Biewer ein Modell aus Hamburg, bei dem jene Schulen, die keine Schüler mit SPF ausgewiesen haben, mehr Geld für ihr inklusives Modell erhalten.

Die Diagnose SPF ist umstritten, der Anteil solcher Schüler variiert auch zwischen den Bundesländern sehr stark. Hopmann verweist auf schwedische Untersuchungen, die einen relativ engen Zusammenhang zwischen der Zahl der SPF-Diagnosen und der Verfügbarkeit von Sonderschullehrern bzw. anderen von der Diagnose unabhängigen Faktoren zeigen.




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