Letztes Update am Di, 09.09.2014 14:53

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Katalonien-Unabhängigkeit - Separatisten bereiten Massenprotest vor



Barcelona/Madrid (APA) - Heuer gedenkt Katalonien am 11. September zum 300. Mal der Niederlage im Spanischen Erbfolgekrieg und des Verlusts seiner Unabhängigkeit. Die in Katalonien regierenden Nationalisten von Ministerpräsident Artur Mas (CiU) wollen das historische Jubiläumsjahr nutzen, um am 9. November die 7,5 Millionen Katalanen zu fragen, ob sie in einem Referendum über die Loslösung von Spanien abstimmen möchten.

Der 11. September ist der katalanische Nationalfeiertag („Diada“). Die Plakate, die bereits seit einigen Tagen Barcelonas Straßenlaternen, Häuserwände und die Schaufenster der Geschäfte zieren, machen den historischen Moment deutlich, den der katalanische Nationalismus am kommenden Donnerstag feiern wird. „Ara es L‘Hora. Units per un pais nou“ (Jetzt ist der Moment. Vereint für ein neues Land) steht in großen schwarzen Buchstaben auf den Plakaten, mit denen die separatistische Bürgerbewegung der Katalanische Nationalversammlung (ANC) am Donnerstag Hunderttausende Katalanen zu einem Massenprotest für die Durchführung des Unabhängigkeitsreferendums aufruft.

„Die spanische Zentralregierung ist dagegen, dass wir die katalanische Bevölkerung überhaupt fragen dürfen, ob sie wieder eine eigenständige Nation sein wollen. Ein solches Referendum sei rechtswidrig und würde verboten werden. Deshalb müssen wir auf der Straße zeigen, was die Mehrheit der Katalanen fühlt und denkt“, stellt die ANC-Vorsitzende Carme Forcadell die Notwendigkeit einer möglichst großen Beteiligung an der Protestkundgebung im APA-Gespräch klar.

Wie die wirklichen Mehrheitsverhältnisse sind, ist nicht ganz klar. Einige Umfragen geben den Separatisten eine knappe Mehrheit. Andere Enqueten besagen, die Mehrheit der Katalanen will auch weiterhin im spanischen Staat leben. Auf jeden Fall dürfte der Protestmarsch für ein Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien von einem großen Teil der Bevölkerung unterstützt werden. Das glauben zumindest die Protestmarschveranstalter der ANC und des katalanischen Kulturverbands Omnium Cultural.

„Wir erwarten insgesamt weit über eineinhalb Millionen Menschen“, versichert Carme Forcadell. Die 1.500 Busse, die von ihrer Bürgerbewegung gechartert wurden, um Menschen aus allen Teilen Kataloniens nach Barcelona zu bringen, sind bereits seit Wochen komplett. Für das überdimensionale Mosaik, mit dem auf zwei Hauptstraßen Barcelonas ein gigantisches „V“ gebildet werden soll, haben sich bereits 455.000 Personen angemeldet.

Die Menschen werden dabei nach Sektoren eingeteilt und sollen gelbe oder rote T-Shirts tragen, wodurch ein riesiges, rund elf Kilometer langes und 200.000 Quadratmeter großes „V“ in den Farben der katalanischen Nationalflagge „Senyera“ entstehen wird. Das „V“ soll dabei sowohl für „victoria“ (Sieg) für die Durchführung eines Referendums stehen, als auch „voluntad“ (Wille) und „votar“ (wählen) symbolisieren, erklärt Omnium Cultural-Vorsitzende Muriel Casals der APA.

Bereits im vergangenen Jahr machten die beiden Bürgerplattformen am katalanischen Nationalfeiertag mit einer ähnlich spektakulären Aktion international auf die katalanischen Unabhängigkeitsforderungen aufmerksam. Sie mobilisieren fast 1,5 Millionen Katalanen, die entlang der katalanischen Costa Brava Küste eine 400 Kilometer lange Menschenkette für die Unabhängigkeit bildeten.

„Und in diesem Jahr werden es noch mehr sein. Je größer der Widerstand in Madrid gegen das Referendum wird, desto mehr Katalanen werden sich bewusst, dass wir einen eigenen Staat brauchen. Wir sind anders, habe eine andere Kultur, Sprache und andere Traditionen. Vor allem aber passen wir nicht in diesen Staat, da er nicht einmal unsere Meinung und unseren Wunsch nach einer einfachen Volksbefragung akzeptiert“, versichert Carme Forcadell.

Auch Omnium-Vorsitzende Casals ist sich einer großen Beteiligung am Protestmarsch für das Recht auf Selbstbestimmung sicher. Denn im Gegensatz zu Schottland, wo bereits am 14. September ein Unabhängigkeitsreferendum durchgeführt wird, wurde der Loslösungsprozess in Katalonien nicht von einer Partei oder der Regionalregierung in Gang gesetzt, sondern vom Volk.

„Als das politisierte spanische Verfassungsgericht 2010 das von der Mehrheit der Katalanen abgestimmte neue Autonomiestatut für verfassungswidrig erklärte, weil es uns als eine Nation bezeichnete, war das für viele Katalanen wie ein Schlag ins Gesicht“, erklärt Casals. Tatsächlich kam es damals zu Massendemos, auf welche die katalanischen Parteien und die Regierung lediglich reagierten.

Casals versteht die Widerstände seitens der spanischen Zentralregierung gegen diese Volksbefragung nicht: „Es ist kein juristisch bindendes Referendum. Es geht doch nur darum, zu sehen, ob wir wirklich die Mehrheit sind, die sich von Spanien loslösen möchte. Die spanische Regierung und die spanischen Gerichte haben eindeutig ein Demokratiedefizit“.

So sieht es anscheinend auch die große Mehrheit der Katalanen. Obwohl voraussichtlich nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung für eine Loslösung von Spanien stimmen würde, sprechen sich laut jüngster Umfragen 80 Prozent der Katalanen für die Volksbefragung aus. „Das Referendum wäre eine Art grünes Licht für unsere Politiker, um die Volksbefragung über eine mögliche Loslösung überhaupt voranzutreiben“, erklärt Omnium-Vorsitzende Muriel Casals.




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