Letztes Update am Mo, 15.09.2014 08:40

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Ein Abend, zwei Entdeckungen: Tschaikowski-Oper „Charodeyka“



Wien (APA) - So schön und aufregend kann Oper sein! Beim Saisonauftakt im Theater an der Wien konnte man gestern, Sonntag, Abend gleich zwei Entdeckungen machen: Die Rarität „Charodeyka“ (Die Zauberin) von Peter Iljitsch Tschaikowski erwies sich als zu Unrecht vergessenes Werk, die 33-jährige litauische Sopranistin Asmik Grigorian als phänomenale Hauptdarstellerin. Der Jubel am Ende war lange und herzlich.

Die Handlung der 1887 im St. Petersburger Mariinski-Theater uraufgeführten Oper ist erstaunlich modern: Politische und religiöse Autoritäten bekämpfen Liberalismus, beklagen den Verfall der Sitten und betreiben Verleumdung. Die Männer sind nur die vermeintlich Mächtigen. Die eigentlichen Akteure sind Frauen: die Gastwirtin Nastasja, genannt Kuma, die ein offenes Haus führt, und die Fürstin, die in der als Zauberin verrufenen Wirtin gleich eine doppelte Nebenbuhlerin erkennt. Ihr Gatte verschaut sich in die hübsche und selbstbewusste Frau, ihr Sohn, von der Mutter zum Rachemord ausgeschickt, vergisst seinen blutigen Schwur, als ihm Kuma ihre Liebe gesteht.

Ausstatter Christian Schmidt hält die Balance zwischen abstrakt und realistisch, hat einen hellen Holzkubus mit erhöhter, zentraler Spielfläche ersonnen, der sich mit geringen Eingriffen von Gasthaus zu Palast und Zauberwald verwandeln kann. Die vier Akte haben höchst unterschiedliche Charakteristik, die von Regisseur Christof Loy mit viel Gespür bedient wird, sodass an dem über dreistündigen Abend nie Langeweile aufkommt.

Zunächst ist der wieder einmal ausgezeichnete und von Loy lebendig arrangierte Arnold Schoenberg Chor voll im Einsatz, um an der Seite der bewunderten und umschwärmten Wirtin die rechte Atmosphäre entstehen zu lassen. Danach bekommt man Einblicke in die Familienhölle des großfürstlichen Statthalters. Es braut sich für Kuma etwas zusammen. In zwei langen Zweierszenen mit dem Fürsten und seinem Sohn stellt sie schließlich die Verhältnisse klar, die im Schlussakt mithilfe eines von einem Zauberer gemischten Giftcocktails zur Katastrophe führen.

Die Musik ist voller Farben und Ausdruckskraft. Dirigent Mikhail Tatarnikov führt das ORF Radio-Symphonieorchester Wien sensibel durch die motivreiche Partitur und drosselt immer wieder die Lautstärke, um den Singstimmen das Feld zu überlassen. Das Sängerensemble hätte derartige Fürsorge gar nicht nötig, denn gesungen wird mit wenigen Ausnahmen außergewöhnlich gut und kräftig. Im Zentrum steht Hausdebütantin Asmik Grigorian, die u.a. an der Komischen Oper Berlin und am Mariinski Theater engagiert ist, aber auch schon an der Grazer Oper gesungen hat. Darstellerisch hält sie die Schwebe zwischen Reinheit des Herzens, natürlichem Charme und kalkuliert eingesetzter Koketterie. Sie wickelt die Männer reihenweise um den kleinen Finger und schafft es dennoch, ihrer Zauberin den Zauber naiver Unschuld zu verleihen. Ihr Sopran ist makellos geführt, voller Wärme und auch in der Höhe traumwandlerisch sicher. „Diese Oper hat 130 Jahre auf Asmik Grigorian gewartet. Tschaikowski wäre glücklich“, hatte der Regisseur im Vorfeld geschwärmt. Man kann ihm nur beipflichten.

Auch rund um sie werden starke Leistungen geboten. Vladislav Sulimsky singt den verliebten Fürsten mit mächtigem Bariton, Maxim Aksenov verleiht dessen Sohn Juri tragische Größe. Die polnische Mezzosopranistin Agnes Zwierko ist eine eifersüchtige und fürchterlich Rache nehmende Ehefrau, Martin Winkler ein überaus dämonischer Zauberer und Vladimir Ognovenko ein eindrucksvoller Bürokrat und Ränkeschmied. Die Demütigung des vertrockneten Puritaners, der das lebenslustige Volk am liebsten die Knute spüren ließe, durch Kuma, die ihn zwingt, mitzutanzen und sich zum Affen zu machen, ist eine starke, zentrale Szene eines Abends, der kaum Wünsche offen lässt.

Die Gelegenheit, diese Rarität der russischen Opernliteratur zu sehen (bis 26. September gibt es noch fünf Vorstellungen), sollte man sich nicht entgehen lassen. Von beiden wird man jedoch vermutlich nicht das letzte Mal gehört haben - von Tschaikowskis „Zauberin“, die nach dieser gelungenen Wiederentdeckung möglicherweise den Weg auf weitere Bühnen finden wird, und von ihrer Darstellerin, der unschwer eine große Karriere vorausgesagt werden kann.

(S E R V I C E - „Charodeyka“ (Die Zauberin), Oper in vier Akten, Musik von Peter Iljitsch Tschaikowski, Libretto von Ippolit Wassiljewitsch Schpaschinski, in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln; Inszenierung: Christof Loy, Ausstattung: Christian Schmidt, Musikalische Leitung: Mikhail Tatarnikov, Choreographie: Thomas Wilhelm; Mit Asmik Grigorian, Vladislav Sulimsky, Maxim Aksenov, Agnes Zwierko, Vladimir Ognovenko, Hanna Schwarz u.v.a., ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Arnold Schoenberg Chor (Ltg. Erwin Ortner); Theater an der Wien, Weitere Aufführungen: 16., 19., 21., 23., 26.9., 19 Uhr, Karten: 01 / 58885, www.theater-wien.at; Ausstrahlung auf Ö1 am 20.9., 19.30 Uhr)




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