Letztes Update am Mi, 17.09.2014 21:07

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fußball: Neues Buch entsorgt österreichische NS-Mythen



Wien/Göttingen (APA) - Fußball wird gerne als Spiegelbild der Gesellschaft gesehen. Auf das Thema NS-Vergangenheitsbewältigung trifft das in Österreich zweifellos zu. Kaum ein Thema wurde derart zum Aufbau von Opfer- und Widerstandsmythen herangezogen. Das Buch „Fußball unterm Hakenkreuz in der ‚Ostmark‘“ hat diese Aspekte der österreichischen Geschichte genau untersucht und widerlegt. Oder zumindest infrage gestellt.

„Opferlegenden wurden gepflegt, Schutzbehauptungen konstruiert und sportliche Erfolge zu Akten des Widerstands stilisiert. Nicht nur in der Politik, auch im Fußball wollte Österreich seine Rolle im Nationalsozialismus lange Zeit nicht aufarbeiten“, schreiben die Herausgeber des Sammelbandes, die Historiker und Publizisten David Forster, Jakob Rosenberg und Georg Spitaler. „Die Geschichte der tatsächlich Verfolgten wurde ebenso ausgeblendet wie jene der Täter und Profiteure des NS-Systems.“

Zu letzteren zählte auch der Wunderteam-Star der 1930er-Jahre, Matthias Sindelar, der im Sommer 1938 ein arisiertes Kaffeehaus übernahm. In der langjährigen Historiografie war Sindelar indes eher als Nazi-Gegner beschrieben worden, nicht zuletzt deshalb, weil er beim sogenannten „Anschlussspiel“ zwischen der „Ostmark“ und einer reichsdeutschen Auswahl am 3. April 1938 sein Tor beim 2:0-Sieg demonstrativ vor der Ehrentribüne gefeiert haben soll.

Das neue Buch schmettert diese Erzählungen nicht einfach ab, indes sind die Autoren tief in die Quellen gegangen und konnten keinerlei Beweise für derartige Vorfälle finden. Sindelars Verein, die Wiener Austria (vormals Amateure) sonnte sich nach 1945 ganz besonders im Opferstatus. Dieser hat Forster zufolge „angesichts der Konfiszierung von Vereinsgütern, der zwangsweisen Umstrukturierung des Clubs, des Exils von Spielern sowie der Vertreibung, Inhaftierung von Funktionären selbstredend seine Berechtigung“.

Aber: „Zugleich erweist sich dieses Geschichtsbild als einseitig, wenn willfährige Anpassung, Mitläufer und Täter ausgeblendet, umgedeutet oder verharmlost wurden.“ So wurde unter anderem gerne verschwiegen, dass beispielsweise der SS-Gruppenführer Ernst Kaltenbrunner ab Oktober 1938 Ehrenpräsident der „Veilchen“ war. Kaltenbrunner wurde 1946 in Nürnberg als einer der NS-Haupttäter zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Im Gegensatz zur Austria hat der Stadtrivale Rapid seine NS-Geschichte bereits in einer Studie aufgearbeitet. Fazit: „Rapid war zwar der erfolgreichste Wiener Fußballverein im Nationalsozialismus, dies ist allerdings kaum auf eine Bevorzugung oder besondere Nähe zum Regime zurückzuführen.“ Zwar habe sich Rapid nach dem „Anschluss“ 1938 sehr rasch mit den neuen Machthabern arrangiert, doch könnten sportliche Erfolge wie das 4:3 gegen Schalke 04 im Finale um die „großdeutsche Meisterschaft“ 1941 nicht als besondere Nähe zum Regime gedeutet werden.

Allerdings auch nicht als Akt des Widerstands gegen das Regime. Die nach dem Krieg gerne erzählte Mär, dass viele Rapid-Spieler quasi als Strafe für ihren Sieg gegen Schalke an die Front beordert wurden, hielt einer historischen Bestandsaufnahme auch nicht stand.

In seiner Gesamtheit umfasst das im deutschen „Werkstatt-Verlag“ erschienene Buch, das auf einer Artikelserie im Fußball-Magazin „ballesterer“ basiert, nicht nur die NS-Geschichte der Wiener Großklubs, sondern auch jene der kleineren Vereine und der „Fußball-Provinz“. Es ist ein ebenso solides wie notwendiges Werk zur österreichischen Geschichte geworden. Eben weil der Fußball ja ein Spiegel der Gesellschaft ist, der Österreich bezüglich einer Rolle im Nationalsozialismus nicht oft genug vorgehalten werden kann.

( S E R V I C E: David Forster/Jakob Rosenberg/Georg Spitaler (Hg): Fußball unterm Hakenkreuz in der „Ostmark“. Werkstatt-Verlag, Göttingen 2014. 352 Seiten, 29,90 Euro. ISBN 978-3-7307-0088-4 )




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