Letztes Update am Mo, 22.09.2014 13:11

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Willendorf: Trotz früher Zerstörung ein reicher Fundort



Wien/Willendorf (APA) - Willendorf ist seit dem Fund einer 25.000 Jahre alten Frauenstatuette 1908 als Beinamen dieser „Venus“ wohlbekannt. Der Ort liegt in der Wachau (NÖ), etwa eine Autostunde westlich von Wien. Obwohl die Fundstelle durch den Bau einer Bahntrasse großteils zerstört wurde, ist sie immer noch für wissenschaftliche Überraschungen gut, wie der frühesten Nachweis moderner Menschen in Europa nun zeigt.

Die rund elf Zentimeter große, altsteinzeitliche „Venus von Willendorf“ wurde am 27. August 1908 entdeckt. Österreichische Archäologen nutzten damals die Bauarbeiten für eine Bahntrasse zur Erforschung des bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts von Wissenschaftern untersuchten Areals. Nach unregelmäßig stattfindenden Ausgrabungen in den folgenden Jahrzehnten, die insgesamt neun Fundstellen zutage gebracht hatten, gruben österreichische Forscher mit einem internationalen Team zuletzt wieder von 2006 bis 2011, und zwar an der Fundstelle „Willendorf II“, wo auch die berühmte Venus entdeckt wurde.

Was diese Stelle heute attraktiv macht, ist ein fünf Meter tiefes Profil aufgeschlossener Löss-Ablagerungen, die einen Zeitraum von gut 35.000 Jahren umfassen. Die ältesten Schichten sind bis zu 60.000 Jahre alt, das obere Ende bilden Schichten im Alter von rund 24.000 Jahren.

Dieses Profil ist für die Forscher ein „Klimaarchiv“. Um den jeweiligen Klimatyp und die vorherrschende Vegetation zu einer uralten Schicht zu bestimmen, charakterisierten sie den Bodentyp, suchten nach speziellen Formen etwa für extreme Kälte, analysieren die Mikrostrukturen im Boden und sammelten darin vergrabene Schnecken. Denn die verschiedenen Schneckenarten und -Unterarten reagieren sehr stark auf Änderungen in der Temperatur und der Feuchtigkeit, und sind daher ein guter Hinweis auf das Klima der vergangener Zeiten, erklärte Philip Nigst vom Department of Archeology and Anthropology der Universität Cambridge im Gespräch mit der APA.

Bei den aktuellen Ausgrabungen hatten Nigst, Bence Viola (Max-Planck-Institut für Anthropologie in Leipzig) und Kollegen für moderne Menschen charakteristische Steinwerkzeuge, nämlich speziell geformte „Lamellen“ gefunden. Sie konnten durch diese Fundstücke und den Bodendaten der Schicht, in der sie lagen, nachweisen, dass moderne Menschen früher als bisher angenommen in Europa lebten, nämlich vor 43.500 Jahren. Außerdem stellten die Forscher fest, dass sie hier eine Tundra-ähnliche Steppe mit lichten Nadelwäldern und für eine Eiszeit recht mildes Klima vorfanden.

Die Fundstücke lagern im Naturhistorischen Museum Wien, allerdings im Tiefenspeicher, so Nigst. Ähnliche Fundstücke früherer Ausgrabungen aus der selben Schicht seien auch in der Ausstellung zu bewundern.

Was den Fundstellen in Willendorf allerdings größtenteils fehlt, sind Knochen der hier einst lagernden Menschen, um sie näher zu charakterisieren, erklärte Viola. Dazu sei der Boden zu gut darin, organisches Material zu verwerten. Auch ist der Fundort nicht mehr so attraktiv wie früher. „Der interessanteste Teil ist beim Bahnbau 1908 zerstört worden, wir haben letztlich nur mehr den Randbereich der urzeitlichen Lager“, sagte er. Deshalb sei auch die Anzahl der Fundstücke der aktuellen Untersuchungen sehr niedrig.

Aktuell wird in Willendorf nicht gegraben. „Wir arbeiten zur Zeit an verschiedenen Projekten in Russland, der Ukraine und Zentralasien, aber ich bin mir nicht sicher, dass all diese Projekte langfristig politisch machbar sind“, so Viola mit Hinweis auf die Unruhen in der Ukraine und das aktuelle Missverhältnis zwischen der EU und Russland. Früher oder später werde man daher wieder nach Willendorf zurückkehren. „Denn es ist natürlich ein bisschen einfacher, hier zu arbeiten“, sagte der Anthropologe.




Kommentieren