Letztes Update am Di, 23.09.2014 17:19

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Radikalisierung hin zu Jihadisten „nicht über Nacht“



Brüssel (APA) - Die Radikalisierung hin zu jihadistischen Kämpfern aus dem Westen erfolgt nach Ansicht von Experten „nicht über Nacht“. Bis ein junger Mensch für den Kampf im Krieg in Syrien radikalisiert werde, dauere es ein Jahr bis eineinhalb Jahre, sagte der bulgarische Europaabgeordnete Andrej Kowatschew (EVP) am Dienstag bei einer Diskussion im EU-Parlament in Brüssel.

Der in Berlin lebende palästinensisch-israelische Psychologe Ahmad Mansour sagte, er könne nicht verstehen, dass Lehrer die Radikalisierung von Jugendlichen nicht bemerken würden. Diese dauere nämlich Monate, wenn nicht Jahre. Die Prävention sei keine Aufgabe der Sicherheitsapparate, der Lehrer und von Muslimen allein, sondern „alle sind Teil der Lösung“.

Die Radikalisierung mache die betroffenen jungen Menschen zunächst glücklich, weil sie ihnen Orientierung und Halt gebe, sagte Mansour. Sie würden Freunde finden, viele hätten vorher Schwierigkeiten mit sozialen Kontakten. Sie würden Aufgaben und Visionen bekommen, durch die sie sich groß fühlten. Außerdem würden die Radikalisierten auch Erleichterung darin finden, keine Entscheidungen mehr treffen zu müssen, weil ihnen die Ideologie auf alles eine Antwort gebe.

„Wir können als Muslime nicht einfach sagen: Das hat nichts mit uns zu tun“, sagte Mansour. Die Salafisten hätten den Mainstream-Islam „überspitzt und radikalisiert“. Besonders beeinflussbar seien Kinder, die an einen bestrafenden Gott glaubten, die nicht lernten, sich selbst zu entfalten, und Opfer- und Feindbilder pflegten. Die Tabuisierung der Sexualität schaffe vor allem bei jungen Männern ein enormes Gewaltpotenzial.

Daniel Köhler arbeitet bei der Berliner Beratungsstelle „Hayat“ zur Deradikalisierung, die von der deutschen Regierung finanziert wird. „Hayat“ sei 2011 basierend auf den Erfahrungen eines Programmes zur Deradikalisierung von Neonazis für islamische Jihadisten programmiert worden , sagte er. Die Beratungsstelle sei eine Brücke zu allen Institutionen und eine Kommunikationsschnittstelle zu den Familien. Wenn sich westliche Kämpfer bereits in Syrien aufhalten, versuche seine Stelle, die jungen Menschen zur Rückkehr zu überreden.

In den meisten Fällen würden die Rückkehrer für ein paar Tage verhaftet und dann freigelassen. Dann beginne der Teufelskreislauf oft von Neuem, sagte Köhler. Die Zahl der „ausländischen Kämpfer“ aus Deutschland schätzt er auf 400 bis 600. „Hayat“ habe rund 100 erfolgreiche Fälle aufzuweisen. Für das Programm gebe es mittlerweile auch Interessenten aus Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Australien.

Michael Noonan vom Foreign Policy Research Institute in Philadelphia sieht Unterschiede beim Anwerben radikaler Kämpfer in den USA und in der EU. Während in der EU der Kontakt meist klassisch und persönlich erfolge, erfolge dieser in den USA hauptsächlich über soziale Medien. Noonan zitierte eine norwegische Studie. Ihr zufolge sind 12 Prozent der ausländischen Jihadisten nach ihrer Rückkehr in der einen oder anderen Form noch aktiv.




Kommentieren