Letztes Update am So, 28.09.2014 12:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Verbrechen oder Liebe? - Andrea Kerns Debütroman „Kindfrau“



Wien (APA) - Geschlechtsverkehr mit einer Zwölfjährigen ist in jedem Fall strafbar. Das österreichische Strafgesetzbuch ist eindeutig. Als Vincent mit diesem Vorwurf verhaftet wird, hat er keine Chance - zumal er davon ausgehen muss, dass die zwölfjährige Angelika ihn selbst verraten und der Justiz ausgeliefert hat. Doch im Roman „Kindfrau“, der morgen in Wien präsentiert wird, ist alles weit komplizierter.

Andrea Kern, 1989 in St. Pölten geboren und Absolventin eines Lehramtsstudiums für Deutsch und Geschichte an der Universität Wien, lässt ihren Erstlingsroman ganz anders beginnen, nämlich rund um den 35. Geburtstag der Lehrerin Angelika, die seit sieben Jahren verheiratet ist. Ihr Mann Erich verwöhnt und liebt sie, macht Karriere und bringt genügend Geld für einen gewissen Wohlstand ins Haus. Zum kompletten Familienglück scheint nur noch der Kindersegen zu fehlen.

Da sieht sie auf der anderen Straßenseite einen Mann. Und schlagartig verändert sich die Erzählsprache und die Wahrnehmung der Protagonistin durch den Leser: „Alles in ihr erinnerte sich an ihn. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie seine Schädeldecke geknackt, um den Inhalt herauszuschlürfen, wie weißes, rotziges Eiklar. Sie wollte wissen, ob die Erinnerungen hinter dieser hohen Stirn die gleichen waren, die sie seit dreiundzwanzig Jahren mit sich herumschleppte.“

Andrea Kern erzählt parallel zwei scheinbar unterschiedliche Geschichten, die natürlich miteinander verwoben sind. Sie erzählt von einem Frauenleben am Vorabend der Midlife Crisis, eine durchschnittliche Mittelstandsehe zwischen Geborgenheit, erkaltender Liebe und zunehmender Langeweile. Und sie erzählt von einer Zwölfjährigen, die in ihrer Sehnsucht nach Zweisamkeit, nach Akzeptiert- und Für-Voll-genommen-Werden an einen um vieles älteren Mann gerät, der die bewussten und unbewussten Angebote des selbstbewusst agierenden Mädchens nicht ausschlägt.

Was lange als Variation des Lolita-Themas wirkt, wird schmerzhaft, grausam und bitter, als das verbotene Liebespaar von einst erneut aufeinandertrifft, obwohl Angelikas Eltern ihr doch damals erzählt hatten, ihr wegen Unzuchts mit Minderjährigen verurteilter Freund sei im Gefängnis umgekommen. Doch Vincent lebt, und die alten Wunden sind keineswegs verheilt. Vincent erfährt, dass es nicht seine viel zu junge Geliebte war, die damals auf brutale Weise mit ihm Schluss gemacht hat, und Angelika muss erkennen, dass ihr Geliebter von einst seine Schuld nicht anerkennen will. Nicht nur, dass er sich zu Unrecht des Missbrauchs für schuldig befunden glaubt, regt sich in ihr ein fürchterlicher Verdacht, als sie von seiner 14-jährigen Stieftochter erfährt...

„Kindfrau“ ist ein intensives Buch, das für ein heikles Thema eine passende Sprache findet. Eines der stärksten Debüts in diesem an Erstlingen nicht armen Literaturherbst.

(S E R V I C E - Andrea Kern: „Kindfrau“, Picus Verlag, 200 S., 19,90 Euro, Buchpräsentation am 29. September, 19.30 Uhr, im „Im Ersten“, Sonnenfelsgasse 3)




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