Letztes Update am Mi, 22.10.2014 01:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Alte Antibiotika sollen wieder „neu“ werden



Wien (APA) - Alte, möglicherweise durch Resistenzen unwirksam gewordene Antibiotika sollen wieder „neu“ und gefährlich für Bakterien werden. Mittwochvormittag startete in Wien (bis 24. Oktober) eine Wissenschaftertagung, die sich mit der Frage beschäftigt, wie man mit herkömmlichen Antibiotika wieder resistente Keime in bekämpfen könnte.

An der Wissenschaftertagung der „Europäischen Gesellschaft für Klinische Mikrobiologie und Infektiologie“ (ESCMID) nehmen rund 300 Experten aus 45 Ländern teil. Sie diskutieren die steigende Bedrohung durch Antibiotikaresistenz und die Vor- und Nachteile der Neubewertung der Eigenschaften und Indikationen älterer Antibiotika.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich Antibiotikaresistenz zu einer der größten Bedrohungen für die Gesundheitssysteme entwickelt, hieß es in einer Aussendung der Organisatoren. Man spreche sogar bereits von einer Entwicklung in Richtung einer „post-antibiotischen Ära“. Diese Entwicklung hat eine Reihe von Gründen, wie zum Beispiel die übermäßige Verschreibung von Antibiotika, der Patientenwunsch nach unnötigen Antibiotika für leichte Erkrankungen, unkontrollierter Zugang zu Antibiotika durch Apotheken und Onlinequellen, weitverbreitete Nutzung von Antibiotika in der Tierzucht als Wachstumsförderer, mangelhafte Hygiene in Krankenhäusern und das Fehlen von neuen Antibiotika-Generationen.

Das Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC/Stockholm) schätzt, dass in der EU derzeit jährlich 25.000 Menschen an Infektionen mit multi-resistenten Keimen sterben. Die Kosten für die zusätzlich anfallende Versorgung der betroffenen Patienten und die damit verbundenen Produktivitätseinbußen werden auf jährlich 1,5 Milliarden Euro geschätzt.

„Antibiotikaresistenz bedroht die Gesundheitsversorgung, wie wir sie derzeit kennen“, sagte Gunnar Kahlmeter, Altpräsident der Gesellschaft. „Für viele der spektakulären neuen Techniken und Technologien in den Bereichen Transplantation, Krebstherapie, Intensivmedizin, Neonatologie und Orthopädie besteht die Gefahr, dass sie aufgrund hohen Risikos von Infektionen durch multi-resistente Keime nicht mehr eingesetzt werden können. Hier hat die Menschheit wieder einmal versagt, eine ihrer wertvollsten und stärksten Ressourcen zu erhalten.“

Angesichts dieser Herausforderungen wenden sich Ärzte vermehrt wieder älteren Antibiotika zu, deren Patente bereits vor langer Zeit abgelaufen sind, die aber immer noch wirksam gegen einige resistente Keime sind. Diese „wiederbelebten“ Antibiotika wurden vor 55 Jahren genehmigt, aber nach dem damaligen Stand der Wissens und der Nutzung nicht weiterentwickelt. Nutzung dieser Antibiotika ohne zeitgemäße Studien könnte nicht unerhebliche Risiken für die jeweiligen Patienten bergen und weitere Resistenzbildung fördern. Die Informationen über korrekte Dosierung, Indikationen, Toxizität und Anwendung in speziellen Patientengruppen fehlen oder sind nicht mehr aktuell.

„Wir nutzen heute einige ältere ‚wiederbelebte“‘ Antibiotika, die in der frühen Penicillin-Ära entwickelt wurden“, sagte Ursula Theuretzbacher, Gründerin des Zentrums für Antiinfektiva (CEFAIA) in Wien und Vorsitzende des wissenschaftlichen Programmkomitees der Konferenz. Man benötige dringend Strategien, um diese älteren Antibiotika neu zu entwickeln, auf der Basis moderner Standards und modernen Wissens, um diese neuen Erkenntnisse vom Forschungslabor ans Krankenbett bringen zu können.

Die Tagung konzentriert sich auf folgende Themenfelder: Therapie-Optimierung, Verlängerung der Nutzung älterer Antibiotika, Empfindlichkeitstestung, regulatorische Aspekte und Verbreitung des neu gewonnenen Wissens.




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