Letztes Update am Di, 11.11.2014 11:27

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Chowanschtschina“-Regisseur Lev Dodin: „Alles ist absolut heutig“ 1



Wien (APA) - Am Samstag (15.11.) hat Modest Mussorgskis Oper „Chowanschtschina“ an der Wiener Staatsoper Premiere. Die düsteren, im Russland des 17. Jahrhunderts angesiedelten Machtkämpfe von politischen und religiösen Fanatikern, in denen das Volk zerrieben wird, inszeniert der 70-jährige Russe Lev Dodin, eine der profiliertesten Regisseure der Gegenwart.

Der Leiter des Maly Theater St. Petersburg, der sein Operndebüt 1995 mit „Elektra“ bei den Salzburger Osterfestspielen gab, sprach mit der APA über die Aktualität von Mussorgskis Oper, in der u.a. Ferruccio Furlanetto, Christopher Ventris, Herbert Lippert und Elena Maximova singen. Dirigiert wird von Semyon Bychkov, anders als 1989 Claudio Abbado in der bisher letzten Staatsopernproduktion des vom Komponisten unvollendet gebliebenen und 1886 uraufgeführten Werks, übrigens nicht die von Igor Strawinski fertiggestellte Fassung, sondern jene von Dmitri Schostakowitsch.

APA: Herr Dodin, die Oper „Chowanschtschina“ spielt Ende 17. Jahrhunderts. Wie kann man dem Wiener Publikum, das die russische Geschichte nicht so gut kennt, die damalige politische Situation nahebringen? Spielt sie in Ihrer Inszenierung überhaupt eine Rolle?

Lev Dodin: Mussorgski hat in seiner Geschichte Ereignisse aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zusammengefasst, die sich zu verschiedener Zeit ereignet haben. Er hat dadurch das Konzentrat eines historischen Augenblicks geschaffen, in dem wieder einmal ein Umbruch geschieht und die Gesellschaft gespalten ist. Der Führer jeder Bewegung, die nach der Macht strebt, schafft sich eine bestimmte Ideologie. Wie so oft weiß man nicht genau: Kämpft er nun für die Ideologie oder nur für die eigene Macht? Jedes Konzentrat hat auch einen universalen Sinn, daher kann man es auch auf die heutige Situation beziehen.

APA: Was speziell ist daran heutig?

Dodin: Der Kampf für und gegen Europäisierung, rechter und linker Extremismus, religiöser und nationalistischer Fundamentalismus - das ist alles absolut heutig. Deshalb wollen wir die Oper auch nicht im 17. Jahrhundert spielen lassen, von dem wir sowieso wenig Ahnung haben. Ich möchte es aber auch nicht in eine konkrete, heutige Zeit überführen. Jeans oder Anzug und Krawatte würden klein wirken im Verhältnis zur Monumentalität der Musik Mussorgskis. Ich möchte ein zeitloses Modell des Themas zeigen.

APA: Es ist doch eine sehr pessimistische Oper, die in der Katastrophe endet...

Dodin: Die Situation ist die: Ein Land verbrennt sich selbst, wie es sich schon sehr oft selbst verbrannt hat. Alles nur, um sich nicht ändern zu müssen, obwohl gleichzeitig alle von Wechsel und Veränderung sprechen. Wir machen das absolut nicht dekorativ, nichts a la Russe, keine hübsch angemalten Matrjoschkas. Es ist ein harter, unverstellter, unvoreingenommener Blick auf die Politik und das Volk.

APA: Ist auch Ihre Weltsicht pessimistisch?

Dodin: Leider im wesentlichen ja. Es braucht mehr Mut, ein Pessimist zu sein, doch dann kann man wenigstens manchmal positiv überrascht werden. Der Optimist, der alles durch eine rosa Brille sieht, kann ja durch alles, was real passiert, nur in eine Depression stürzen.

APA: Könnten Sie Ihre Wiener Interpretation genauso in St. Petersburg oder Moskau zeigen?

Dodin: Ich versuche immer meine Vorstellung vom Leben und vom Menschen auszudrücken, ganz unabhängig davon, in welchem Land ich inszeniere. Ich passe mich an nichts und niemanden an, auch nicht den Bedürfnissen und Wünschen des Zuschauers - umso mehr als diese im Grunde niemand wirklich kennt.




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