Letztes Update am Mo, 17.11.2014 08:28

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Perlenfischer - The Challenge!“: Bizet-Oper als Reality-TV-Show



Wien (APA) - Wien steht Kopf. Da gibt es Regietheater reinsten Wassers, wird über eine süßliche Oper ein knallhartes, modernes Konzept gestülpt - und das Publikum jubelt? So geschehen gestern, Sonntag, im Theater an der Wien. Die junge holländische Regisseurin Lotte de Beer führte Georges Bizets Exotik-Kitsch „Les Pecheurs de Perles“ als Reality-TV-Show zum verdienten Erfolg: „Perlenfischer - The Challenge!“

An Götter und Zufälle will de Beer nicht glauben. Stattdessen lässt sie einen Fernseh-Regisseur die Fäden in die Hand nehmen, um vor Ceylons malerischen Sonnenuntergängen zwei Freunde auf jene Frau treffen zu lassen, die sie einst beide liebten, die jedoch unterdessen der irdischen Liebe abgeschworen und sich dem überirdischen Glück geweiht hat. Ein Drama, das nicht das Leben, sondern der Drehbuchautor schrieb.

Den Rahmen, den sich de Beer ausgedacht hat, setzt sie perfekt um, vom herumwuselnden Kamerateam samt arrogantem Regisseur und aufgescheuchten Assistenten, über professionell gemachte Einspieler, ja sogar eine nur leicht augenzwinkernde Straßenbefragung als Umbaupausen-Überbrückung zwischen zweitem und drittem Akt. Hohepriester Nourabad (solide: Nicolas Teste) wird hier schlüssig zum Moderator, der zwar nicht das Schicksal, aber das Mikro in der Hand hat. Grenzgenial ist die Einbeziehung des wie immer hervorragend disponierten Arnold Schoenberg Chors als mitfiebernde Fernseh-Zuschauer in einem Mietshaus-Querschnitt, der immer wieder an den passenden Stellen sichtbar gemacht wird und in dem zahllose Mini-Dramen erzählt werden.

Zurga (der amerikanische lyrische Bariton Nathan Gunn zeigt mehr Muskeln als Stimme) siegt im Publikumsvoting und darf seine Leadership-Qualitäten in der nächste Runde beweisen. Dort trifft er auf die esoterisch angehauchte Leila (Diana Damrau zeichnet ihre Figur ohne Grund allzu sehr als blondes Dummchen, singt aber betörend), die ihre eigene Challenge zu bestehen hat und vom Pfad von Keuschheit und Tugend nicht abweichen darf. Das wird jedoch durch das Auftauchen des ehemaligen Geliebten Nadir erschwert. Der russische Tenor Dmitry Korchak lässt mit zartem Schmelz in der Stimme nicht nur Leila, sondern auch das Publikum dahinschmelzen.

Während über lange Strecken die Rahmenhandlung allzu präsent ist und gelegentlich szenisches Übergewicht erhält, lässt de Beer im Schlussteil, in dem auch Dirigent Jean-Christophe Spinosi das ORF Radio-Symphonieorchester Wien deutlich dramatischer agieren lassen darf, die Realität die „Reality“ sprengen. Unvorhergesehene Zwischenfälle bringen das Sendungskonzept in Unordnung und räumen die Bühne frei für intime Szenen ohne störende Aufnahme-Crew.

Mit einer überraschenden Schlusspointe kippt dieser rundum überzeugende Opern-Abend von der Parodie in die Tragödie: Das TV-Volk sieht sich durch das Eingreifen Zurgas um sein Voting betrogen. Wozu hat man sich zuvor mit 79 Prozent für „Tod“ und nur zu 21 Prozent für „Gnade“ entschieden, wenn nun doch Milde walten soll? Das Volk will Blut sehen, verlässt die Fernsehsessel, stürmt die Bühne, zückt die Feuerzeuge und die Smartphones. Die selbst inszenierte Grausamkeit kann heutzutage auch gleich selbst in alle Welt übertragen werden.

Einhelliger, langer Jubel, zahlreiche Hochrufe für Damrau und Korchak und eine über den Ausgang ihres eigenen Publikums-Votings sichtlich glückliche, erleichterte Regisseurin. Das Regietheater lebt. Wer hätte das gedacht?

(S E R V I C E - „Les Pecheurs de Perles“ von Georges Bizet (Musik) und Eugene Cormon und Michel Florentin Carre (Libretto), Aufführung in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln; Musikalische Leitung: Jean-Christophe Spinosi, Inszenierung: Lotte de Beer: Bühne Marouscha Levy, Kostüme: Jorine van Beek. Mit dem Orchester ORF Radio-Symphonieorchester Wien, dem Arnold Schoenberg Chor und Diana Damrau - Leila, Dmitry Korchak - Nadir, Nathan Gunn - Zurga, Nicolas Teste - Nourabad; Theater an der Wien, Weitere Aufführungen: 19., 22., 25., 30. November; Einführungsmatinee: 16. November, 11 Uhr: Karten: 01/58885, www.theater-wien.at ; Live-Übertragung auf Ö1: 22.11., 19 Uhr)




Kommentieren