Letztes Update am Mo, 24.11.2014 12:54

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Buch mit schweren Vorwürfen gegen Jugendwohlfahrt



Wien (APA) - Der Wiener Gerichtsmediziner Johann Missliwetz, bis dieses Jahr am entsprechenden Department der MedUni Wien beschäftigt, und die Veterinärmedizinerin Angelika Schlager haben am Montag in Wien ein von ihnen verfasstes „Schwarzbuch Jugendwohlfahrt“ präsentiert. Die Behörden unterlägen keiner Kontrolle, handelten teilweise zu spät, reagierten oft aber überschießend, so die hauptsächliche Kritik.

Die Autoren sind selbst Betroffene. Das Buch sei anfänglich „mit unserem ‚eigenen Fall‘ entstanden, als wir 2010 plötzlich vor der Situation standen, dass unser Enkel, den wir zwei Jahre lang aufgezogen hatten, von einem Tag auf den anderen von der Kindesmutter, die sich vorher nicht für ihn interessiert hatte, ja ihm sogar ablehnend gegenüber stand, von uns weggenommen wurde“. Man wäre in Kontakt mit einer „Plattform Jugendamtswillkür“ gekommen. „Erstmals sahen wir, dass wir keine Ausnahmefälle waren, sondern dass viele Menschen betroffen waren und System hinter diesen Vorfällen steckte.“

Missliwetz und seine Frau recherchierten laut eigenen Angaben penibel 67 Fälle mit Mängeln der österreichischen Jugendwohlfahrt. Bei den Jugenwohlfahrtbehörden würde es sich um ein geschlossenes System handeln, in dem die Kontrolle fehle. Die Familiengerichte würden zumeiste ungeprüft die Angaben von Sozialarbeitern etc. übernehmen, Sachverständige willkürlich arbeiten. Der Gerichtsmediziner: „Wir fordern Akteneinsicht für alle, deren Name in den Akten (der Jugendwohlfahrt; Anm.) aufscheint.“ Es gebe keine wirksame Kontrolle. Angelika Schlager dazu: „Es fehlt die Möglichkeit einer wirksamen Beschwerde.“ Beschwerden würden regelhaft wiederum durch die Behörde beantwortet bzw. abgeschmettert.

So würde es laut den Autoren viel zu häufig zur Kindesabnahme wegen „Gefahr in Verzug“ kommen. Diese einschneidende Maßnahme könne der Jugendwohlfahrtsträger selbst treffen, eine Prüfung erfolge zumeist viel zu spät und könne mit einer einstweiligen Verfügung noch hinausgeschoben werden. Auch vom Wegweiserecht werde - zumeist zuungunsten von Männern - zu leicht und ohne Prüfung Gebrauch gemacht. Die Fremdunterbringung von derzeit rund 11.000 Kindern in Wohngemeinschaften verschiedenster Träger führe oft erst recht zu sexuellem Missbrauch und Gewalterfahrungen, die Verantwortlichen würden nicht zur Rechenschaft gezogen. „Es geht den Kindern somit schlechter als zu Hause“, heißt es in dem Band. Bei derartiger Fremdunterbringung würden „die Kinder kontrolliert“, die Institutionen „gut bezahlt“. „Der Einfluss der Eltern ist Null, bei Beschwerden gibt es Kontaktverbote“, so Missliwetz

Die Autoren führen auch die in den vergangenen Jahren Aufsehen erregendsten Gewalt- und Missbrauchsaffären in Österreich auf, um das Versagen der Behörden zu belegen. So hätte ein Sozialarbeiter in Sachen der Familie von Josef F., der in Amstetten seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverlies eingesperrt, missbraucht und mit ihr Kinder gezeugt hätte, die immer wieder angeblich von der Tochter vor die Tür der Familie gelegt worden waren, vermerkt, die „Familie (...) kümmert sich sehr liebevoll um X und möchte auch weiterhin für sie sorgen“. Eine DNA-Untersuchung der plötzlich aufgetauchten „Enkelkinder“ sei nicht erfolgt. Auch im Fall Cain und bei anderen Affären seien schwere Fehler feststellbar. Die Wiener Behörden hätten auch vor den tödlichen Verbrühungen der zweijährigen Leonie vor einigen Wochen in Wien die Familie überprüft und keinen Verdacht auf Missstände entdeckt.

(S E R V I C E - Johann Missliwetz, Angelika Schlager: „Schwarzbuch Jugendwohlfahrt“; CreateSpace Independent Publishing Platform, 378 Seiten, 16,49 Euro)




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