Letztes Update am Mi, 26.11.2014 11:55

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Saskia Jungnikl schildert die Hölle nach dem Suizid des Vaters



Wien (APA) - „Papa hat sich erschossen.“ Diese vier Worte, die die Journalistin Saskia Jungnikl von ihrer Mutter hört, als sie an einem Vormittag im Juli 2008 das Telefon abhebt, verwandeln ihr Leben schlagartig in eine Hölle. Sie bilden auch den Titel jenes Buchs, in dem Jungnikl den Selbstmord und seine enorme Auswirkung auf das Weiterleben ihrer Familie aufarbeitet.

„Sein Tod teilt mein Leben in ein Vorher und Nachher“, heißt es an einer Stelle des im Fischer Verlag erschienenen Werks. Und sowohl das Vorher als auch das Nachher sind Thema des 250 Seiten umfassenden Buchs, das auf Basis eines Artikels, der im März 2013 im „Standard“ erschienen ist und in Folge mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurde, entstanden ist. Das Vorher setzt sich aus glücklichen Kindheitserinnerungen, biografischen Notizen zum Werdegang ihres Vaters sowie einigen seiner selbst verfassten Kurzgeschichten zusammen. Doch auch die Zeit vor dem Juli 2008 barg bereits eine familiäre Katastrophe: Den Tod von Jungnikls behindertem Bruder Till, der im Alter von 26 Jahren im Schlaf starb, als der Vater allein mit ihm zu Hause war.

Dieser Verlust war es auch, der den leidenschaftlichen Familienvater und Regisseur Erhard Jungnikl über Nacht in einen anderen Menschen verwandelt habe und der, so glaubt die Autorin, auch einer der Gründe für den Suizid gewesen sein könnte. Genau wird die Familie jedoch nie über die Beweggründe des Vaters bescheid wissen. Er schied ohne Abschiedsbrief aus dem Leben, die Mutter fand ihn eines Nachts tot im Hof ihres Bauernhofs im Burgenland. Die Essenz dieses furchtbaren Tages fasst Jungnikl so zusammen: „Der Suizid meines Vaters verändert meine Welt völlig. Sie wird ruiniert, und in den kommenden Jahren werde ich versuchen aufzubauen, was er eingerissen hat. Ich liebe und bewundere meinen Vater sehr, und an diesem Tag wird er zu meinem schlimmsten Feind. Der Weg zur Versöhnung ist lang.“

Die Frage der eigenen Schuld zieht sich wie ein roter Faden durch Jungnikls Ausführungen. Hätte sie etwas bemerken können? Oder gar verhindern? Mittlerweile hat sie einen Weg gefunden, damit umzugehen: „Ich verstehe jetzt, dass es hier keine Schuld gibt. Da gibt es nur den harten Kampf um das Verstehen und die Suche nach dem Warum.“ Mit diesem Warum geht jeder in der Familie anders um, aber nach dem Tod des Vaters rücken die Mutter und Jungnikls beide Brüder noch enger zusammen. Was bleibt, ist die Angst, dass wieder etwas Schlimmes passieren könnte. Jahrelang schaltet Jungnikl ihr Telefon nicht mehr aus, wie sie es in der Todesnacht des Vaters getan hatte und dadurch erst Stunden später davon erfuhr.

„Es heißt, dass jeder Suizidtote etwa drei bis fünf Angehörige hinterlässt. Hochgerechnet würde das bedeuten, dass in Österreich in den vergangenen zehn Jahren etwa zwischen 42.000 und 70.000 Menschen Hinterbliebene nach einem Suizid wurden.“ Was ein Selbstmord für jene bedeutet, die damit irgendwie weiterleben müssen, schildert sie in schmerzvoller Offenheit. Durch den konsequenten Einsatz des Präsens verschwimmen Erinnerungen an die Vergangenheit mit aktuellen Ereignissen. Und so lebt der Vater, mit dessen Tod das Buch beginnt, bis zum Schluss weiter, bleibt im Alltag der Familienmitglieder stets präsent und wird auch vor den Augen des Lesers zu einer greifbaren Figur.

Neben allen Schilderungen über die furchtbare Zeit danach - die Unfähigkeit, ihrem Beruf nachzugehen, das Auseinanderbrechen ihrer Beziehung, die Spurensuche in den Zimmern des Vaters - reflektiert die Journalistin auch den medialen Umgang mit dem Thema Suizid. „... jeder Fehler in der Suizid-Berichterstattung, jedes hastige und eilige Hinschreiben, jedes Detail, das ausgegraben und dann wie eine Trophäe auf der Titelseite präsentiert wird: All das kann einen Menschen das Leben kosten“, mahnt Jungnikl an die Gefahr der Nachahmung durch falsche Berichterstattung. „Mir fehlt im deutschsprachigen Raum eine konsequente und durchdachte Auseinandersetzung mit dem Thema Suizid“, so die Autorin. Schließlich stehe dem „Werther-Effekt“ - der Nachahmung - auch der sogenannte „Papageno-Effekt“ gegenüber: „benannt nach der Figur Papageno in Mozarts ‚Zauberflöte‘, der eine suizidale Krise bewältigt und überlebt“.

In diesem Sinne ist diesem außergewöhnlichen Buch auch eine umfassende Liste mit Anlaufstellen für Suizid-Gefährdete im gesamten deutschsprachigen Raum nachgestellt. Und es gibt den Abertausenden Hinterbliebenen eine Stimme.

(S E R V I C E - Saskia Jungnikl: „Papa hat sich erschossen“, Fischer Verlag, 256 Seiten, 15,50 Euro. Weitere Informationen unter www.saskiajungnikl.com)




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