Letztes Update am Di, 09.12.2014 21:13

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gesamtschule: Mitterlehner will „Diskurs in andere Richtung bewegen“



Wien (APA) - Vizekanzler und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) will in der Bildungspolitik „den Diskurs in eine andere Richtung bewegen“. Diskutiert werden soll nicht mehr die Schulstruktur - also die Frage Gesamtschule oder gegliedertes Schulsystem -, sondern die Qualität an den Schulen, so Mitterlehner am Dienstag Abend bei einer von seinem Ministerium organisierten Veranstaltung.

Bei der Präsentation der Ergebnisse der Veranstaltung, bei der vor allem Wissenschafter und Interessenvertreter in Workshops miteinander diskutierten, sei das Wort Gesamtschule gar nicht vorgekommen, so der Vizekanzler: „Eine ganz andere Frage hat die Menschen hier bewegt“ - nämlich wie die Qualität in den Mittelpunkt gestellt werden könnte. Die derzeitige Bildungsdiskussion in Österreich habe man, weil einerseits die PISA-Ergebnisse nicht so ausgefallen seien, wie man sich das gewünscht habe, und andererseits, weil die Frage der Gesamtschule in den Mittelpunkt gerückt worden sei, als ob diese das Allheilmittel wäre. Andere Fragen wie etwa die Selektionsfrage bei den Lehrern („Was ist, wenn jemand nicht geeignet ist im System, was passiert dann? Wie sieht es aus mit der Durchlässigkeit des Systems?“) oder die Frage der Verpflichtung bei der Fortbildung habe man dagegen vermieden.

Bereits im Jänner soll die schon länger angekündigte Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Bildung erste Inputs liefern, so Mitterlehner. Im März sollen erste Ergebnisse vorliegen. Ins gleiche Horn stieß sein Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP): „Eigentlich reden wir in der Öffentlichkeit wahnsinnig viel über Struktur - wenn wir uns im Kleinen treffen, reden wir wahnsinnig viel über Inhalt oder Qualität“, fasste er die Eindrücke eines Teilnehmers zusammen.

Der ehemalige Wissenschaftssenator der Stadt Hamburg und aktuelle Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger, ortete mehrere Probleme im Bildungsbereich. Einerseits verrenne sich die Bildungspolitik in ideologischen Grabenkämpfen: „Das eine Lager ist für Leistung, das andere für Gerechtigkeit. Und beide tun so, als ob das nicht gleichzeitig erreichbar wäre.“ In Ländern wie Kanada seien beide Ziele aber fix festgeschrieben. Das zweite Problem liege in der Pädagogik und deren Orientierung am „Mittelkopf“, also am fiktiven durchschnittlichen Schüler. Und drittens werde statt Chancengerechtigkeit Verteilungsgerechtigkeit angestrebt. Ergebnis seien Investitionen in die falschen Bereiche.

Nach Ansicht Drägers sollten Punkte wie die Schulstruktur, die Zuständigkeiten oder die Klassengrößen „in Ruhe gelassen werden“. Investiert werden müsse primär in Ganztagsschulen und Kindertagesstätten statt in Transferleistungen. Außerdem müsse die Lehreraus- und -fortbildung verbessert werden („dort müssen dann aber auch alle hin“), wichtig sei auch eine dezentrale Schulpolitik.

Der Bildungswissenschafter Stefan Hopmann (Uni Wien) hält die Frage der Schulstruktur zwar nicht für bedeutungslos: „Aber sie hat nicht das Gewicht, das ihr viele zumessen.“ Man glaube etwa immer, dass durch eine gemeinsame Schule absolute Gleichheit hergestellt werde:“ „Aber Gesamtschulsysteme entwickeln eben andere Segregationseffekte.“ Insgesamt sei es sekundär, wie man die „Oberfläche“ der Schulstruktur organisiere. Viel wichtiger sei es manchmal auch, einfach nichts zu tun: „Wir sollten aufhören, viele Dinge zu regeln, die man nicht regeln muss und wo die Beteiligten durchaus in der Lage sind, das selbst zu tun.“ Dabei gehe es nicht einmal um mehr Geld: Die Akteure an den Schulen sollten aber etwa über das vorhandene Geld disponieren können.




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