Letztes Update am Di, 13.01.2015 12:57

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Attacke in Paris - Therapeut: Respekt und Grenzen für Muslime



Haifa/Wien (APA) - Zurückschlagen oder nachgeben: Welche Strategie sollen die westlichen Gesellschaften im Umgang mit der islamistischen Herausforderung an den Tag legen? Mehr Wertschätzung für Muslime, aber auch klare Grenzen, sagt der israelische Psychotherapeut Ofer Grosbard (60). In dem Konflikt gehe es nicht um die Religion, sondern um Mentalitätsunterschiede, betont er im APA-Gespräch.

„Worte sind sehr kraftvoll, gerade für Menschen, die sich beleidigt und erniedrigt fühlen.“ Hätte der französische Präsident Francois Hollande wenige Tage vor dem Angriff auf „Charlie Hebdo“ öffentlich Worte des Respekts für die Muslime gefunden, „wäre dieses Massaker nicht passiert“, ist der Buchautor („Israel auf der Couch“) überzeugt. Dadurch wäre nämlich viel von der Motivation für den Anschlag weggefallen, weil die potenziellen Attentäter ihre Ehre als Muslime „zurückerhalten“ hätten. „Man sollte die Bedeutung von Gefühlen für Terroristen nicht unterschätzen.“

Grosbard räumt ein, dass bei den Attentätern immer auch eine persönliche Komponente hineinspiele. „Sie hatten meistens eine problematische Kindheit, in der sie unterdrückt wurden und versuchen dieses Problem zu lösen, indem sie es auf die nationale Ebene heben.“ Was im Verhältnis zu ihren Eltern nicht gelinge, schaffen sie als Attentäter: „Sie werden zu Helden.“

Der Psychotherapeut und Wissenschafter erforscht seit Jahren intensiv die psychologischen Ursachen von interkulturellen Konflikten. Zwischen den Angehörigen des westlichen und östlichen Kulturkreises, zu denen er auch orthodoxe Juden zählt, gebe es einen fundamentalen Mentalitätsunterschied. „Es geht nicht um den Islam, sondern um den psychologischen Prozess der Trennung und Individualisierung, der im Westen bereits abgeschlossen ist und den der Osten jetzt durchmacht“, sagt Grosbard.

Die Angehörigen des östlichen Kulturkreises würden sich immer noch über ihre Gruppe definieren. „Für uns ist die Wahrheit wie ein Heiligtum, für sie sind Beziehungen viel wichtiger. Sie sind bereit, ihre eigenen Ansichten zugunsten der Integration in die Gruppe aufzugeben“, erklärt Grosbard, warum Werte wie Demokratie oder Meinungsfreiheit in der arabischen Welt einen schwereren Stand haben als in Europa.

Grosbard erläutert die kulturellen Differenzen zwischen den „westlichen“ und „östlichen“ Menschen mit einem Beispiel aus seiner Lehrtätigkeit. „Als ich einen arabischen Studenten vor seinen Kollegen lobte, ärgerte er sich darüber. Er fühlte sich nämlich aus seiner Gruppe ausgeschlossen.“ Die Gruppenzugehörigkeit sei diesem Studenten nämlich wichtiger gewesen als der persönliche Erfolg.

Umgekehrt nehmen Muslime die Angehörigen des westlichen Kulturkreises als „sehr egozentrisch“ wahr, „weil wir Dinge ohne Rücksicht auf das Umfeld sagen“. Gerade Satire sei für gruppenorientierte Menschen ein besonderes Problem. Ihnen sei es nämlich „fast unmöglich, über sich selbst zu lachen“.

Die Lösung dürfe aber nicht sein, die Meinungsfreiheit aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Muslime einzuschränken, betont Grosbard. Karikaturen über den Propheten Mohammed sollten weiterhin erlaubt sein, „aber man sollte auf andere Weise betonen, dass man die Fähigkeit (der Muslime) schätzt, sich in Zurückhaltung zu üben“. Es gehe darum, dass man den Muslimen dabei helfe, „sich angenommen zu fühlen“. In ihrem Innersten wollen die muslimischen Zuwanderer in Europa nämlich so sein wie die Mehrheitsbevölkerung.

Im Integrationsbereich solle man nicht mit Vorschriften wie dem Burka-Verbot operieren, empfiehlt Grosbard. „Üblicherweise erhält man bessere Ergebnisse, wenn man die andere Seite nicht zu etwas zwingt.“ Allerdings müssten die westlichen Gesellschaften klar machen, wofür sie stehen. Die gruppenorientierten „östlichen“ Menschen bräuchten nämlich ein kollektives Wertesystem. „Am Kollektiv orientierte Menschen brauchen Grenzen. Wir sind Individualisten und setzen uns selbst die Grenzen, wir brauchen keine Gruppe dafür.“

Vor allem gehe es aber darum, die Mentalitätsunterschiede wahrzunehmen. „Wir sind alle sehr ethnonarzisstisch“, kritisiert Grosbard das fehlende Verständnis für die Sensibilitäten des anderen Kulturkreises. Obwohl es auch Lebewesen an Land und in der Luft gebe, „verhalten wir uns wie Fische, die glauben, dass man nur im Wasser leben kann“.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)

(I N T E R N E T: Weitere Informationen zur Forschungstätigkeit von Ofer Grosbard unter www.ofer-grosbard.com )




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