Letztes Update am Do, 29.01.2015 16:07

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ukraine - Debalzewe - der nächste militärische Hotspot der Ostukraine



Debalzewe (APA) - Der Eisenbahnknotenpunkt Debalzewe entwickelte sich zu einem neuen militärischen Hotspot in der Ostukraine: Die abtrünnigen „Volksrepubliken“ streben eigenen Angaben zufolge die Einnahme der strategisch wichtigen Kleinstadt an, die Ende Juli 2014 von den ukrainischen Kräften zurückerobert worden war. Für die wenigen verbliebenen Einwohner Debalzewes wird die Lage indes zunehmend schwieriger.

„Debalzewe ist seit fünf Tagen ohne Strom, die Wasser- und Fernwärmeversorgung ist zusammengebrochen und die Stadt wird permanent von Terroristen (Verbände der „Volksrepubliken“, Anm.) beschossen“, erklärt eine aus der Stadt stammende Frau, die sich zuletzt vergangene Woche im Ort aufhielt, gegenüber der APA. Aus Sicherheitsgründen bittet sie, ihren Namen nicht zu nennen - nahe Verwandte befinden sich weiterhin in der umkämpften Stadt.

Mit der Lebensmittelversorgung und mit Medikamenten gäbe es große Probleme, schildert die Frau. Dank der Hilfe ukrainischer Militärs würden jedoch Bewohner aus Debalzewe evakuiert: Mittwochvormittag habe etwa ein Autobus mit weiteren 30 Personen die Stadt verlassen können. Debalzewe gleiche mittlerweile einer Geisterstadt. Alle Menschen, die die ökonomischen und körperlichen Möglichkeiten dazu hätten, seien geflohen.

Der ukrainische Journalist Kostjantyn Reuzkyj, der am Mittwoch für den Kiewer Fernsehsender Hromadske aus Debalzewe berichtete, geht gegenüber der APA davon aus, dass von ursprünglich 25.000 Einwohnern nur noch 6.000-8.000 Menschen in der Stadt verblieben sind. Nach OSZE-Angaben hatten am 21. Jänner aus Sicherheitsgründen selbst jene hochrangigen russischen Offiziere die Stadt verlassen, die hier offiziell mit ukrainischen Offizieren in einem „Gemeinsamen Zentrum für Kontrolle und Koordinierung“ (JCCC) gewirkt hatten.

Die Kleinstadt, die in Friedenszeiten als einer der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkten der Ostukraine gegolten hatte, ist von drei Seiten von Verbänden der selbst erklärten „Volksrepubliken“ von Donezk (DNR) und Luhansk (LNR) umzingelt. Nach ukrainischen Angaben wurde die von ukrainischen Truppen kontrollierte Stadt in den letzten Tagen immer wieder von schwerer Artillerie beschossen, die aus Horliwka (DNR) und Faschtschiwka (LNR) abgefeuert worden sei. Medienberichten zufolge war Horliwka seinerseits zuletzt wiederholt beschossen worden - der Bürgermeister dieser 250.000-Einwohnerstadt machte dafür gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti die ukrainische Seite verantwortlich.

Die Lage in Debalzewe habe sich auch dadurch verschlechtert, erzählt die aus der Stadt stammende Frau, dass die 15 Kilometer nördlich von Debalzewe gelegenen Ortschaften Switlodarsk und Myroniwskyj am Samstag mit Artillerie beschossen worden seien. Entlang dieser Ortschaften verläuft die einzige von ukrainischen Einheiten kontrollierte Straßenverbindung, die Debalzewe mit dem Rest der Ukraine verbindet. Eine etwaige Eroberung von Switlodarsk und Myroniwskyj durch Aufständische würde die Kämpfe um Debalzewe automatisch in eine Kesselschlacht verwandeln.

Beobachter gehen jedoch davon aus, dass dies und auch eine Einnahme des Eisenbahnknotenpunkts durch die selbsterklärten „Volksrepubliken“ einstweilen nicht bevorsteht. Der russische Militärexperte und Oberst der Reserve Wiktor Murachowski prognostiziert gegenüber der APA eine „sehr langsame Entwicklung“ der Situation um Debalzewe, da die beiden Seiten vor Ort ungefähr über die gleiche Stärke verfügten: „Solange der Versorgungsweg nicht abgeschnitten wird, hat die Landwehr (Verbände der „Volksrepubliken“, Anm.) nur eine geringe Möglichkeit die Stadt unter Kontrolle zu bekommen.“

Sowohl ukrainische als auch russische Darstellungen decken sich mit dieser Ansicht Murachowskis: „Die Attacken der Russen werden erfolgreich zurückgeworfen, Verstärkung kommt an“, erklärte Mittwochabend der ukrainische Journalist Reuzkyj zur APA: In der Stadt selbst gäbe es abgesehen von chaotischem Artilleriebeschuss keine Kampfhandlungen, die Frontlinie verlaufe etwa zehn Kilometer weit außerhalb.

Auch der mit den Aufständischen sympathisierende russische Internetfernsehsender lifenews.ru bestätigt dies: In einem Beitrag vom Donnerstag wurde ein stockender Vormarsch der „Volksrepublik Lugansk“ gezeigt. Zehn Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums von Debalzewe, so war zu sehen, setzten diese Einheiten ein Mehrfachraketenwerfersystem vom Typ „Grad“ ein. Gleichzeitig kamen sie aber auch selbst unter Beschuss.




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